Aus dem Herzen: Zahn der Zeit

Kinder können es kaum erwarten, endlich 10 Jahre alt zu werden. Unsere Tochter z.B. fiebert ihrem 10. Geburtstag entgegen. Dann kann ich endlich die Messerprüfung bei den Pfadfindern machen!
Das nächste erstrebenswerte Etappenziel des Alters ist der 18. Geburtstag. Auto fahren! Volljährig! Bereit, die Welt zu erobern.
Der 20. Geburtstag wird am Rande registriert. Aber er ist wenigstens etwas besonderer als der 19. Geburtstag.
Mit noch recht langsamen Schritten naht die 30. Hier wird die oder der Eine vielleicht schon ungeduldig. Nimmt es im großen und ganzen aber doch gelassen. Mann darf vor dem Rathaus fegen; Frau die Klinken putzen. So kommt die Zahl 30 mit ein wenig Spaß verpackt.
Nun geht es schon mit schnelleren Schritten auf die Zielgeraden zum 40. Geburtstag. Mann ist noch relativ entspannt, Frau hingegen zieht ihr Resümee. Was habe ich, was will ich, mit wem kann ich meine Ziele erreichen? Die sogenannte Biologische Uhr tickt.
Ist der Tag der 40 Jahre gekommen, merken wir, wie bei jedem anderen runden Geburtstag: es ist nicht anders als den Tag zuvor. Es öffnet sich kein Erdloch, in welches wir fallen, aber auch die vielleicht herbeigesehnte Erleuchtung bleibt aus.
Weiter geht’s. Der 50. Geburtstag naht. Ein halbes Jahrhundert. Soll ich mich mit Botox behandeln lassen? Oder noch den Motorradführerschein machen? Vielleicht einen neuen Partner suchen? Diese Anzeichen nennen wir im norddeutschen Midlife crises.
Letztlich sind wir so jung, wie wir uns fühlen und jeder Geburtstag ist doch (nur) eine Zahl.
60 Jahre! Vielleicht tummeln sich schon Enkel mit auf dieser Feier? Die Rente winkt. Wir lassen es nochmal richtig krachen! Wenn nicht jetzt, wann dann?
Mit 70 Jahren tanzen wir wohl nicht mehr durch die Säle…oder?
Ich denke, ab dem 70. Geburtstag sind wir einfach dankbar über jeden, der noch mit uns feiert.
Mit 80 oder gar 90 Jahren ist da die Freude, seine Urenkel aufwachsen zu sehen.
So sollten wir jeden Tag in vollen Zügen genießen. Leben! Lieben! Lachen! Wer kann schon sagen, wie alt wir werden? Gut, dass wir unser persönliches Verfallsdatum nicht kennen.
Zugegeben, ich blickte vor kurzem der 40 in die Augen und kurzfristig durchzuckte mich der Gedanke „das soll jetzt alles gewesen sein?“. Aber tatsächlich nur kurzfristig. Ich für mich bin nämlich in der glücklichen Lage, schaue um mich und kann sagen: ich bin zufrieden. Ich habe meine Familie, die mich liebt (wie ich bin, mit allen Macken, Falten und Mängeln) und die ich liebe. Ein Dach über dem Kopf (wie ich persönlich finde, auch ein ganz schönes) und Freunde! Das sind viele Dinge, die andere nicht haben und für diese Schätze bin ich dankbar! Ich hoffe, dass mir dieses Bewusstsein künftig leichter darüber hinweghilft, bei der einen oder anderen (Lach)Falte eher ein Auge zuzudrücken und mein Hüftgold als doch ganz wertvoll zu betrachten. Schließlich nagt auch an mir der Zahn der Zeit und ich bin ja keine 20 mehr.
Stefanie Merkel

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