Schnarup-Thumby: Ein Ehrenbürgermeister und seine Dissertation

Ehrenbürgermeister Sönke Andresen aus Schnarup-Thumby wird im Januar 80 Jahre alt. Und diesen Geburtstag wird er vermutlich als Dr. Sönke Andresen feiern können. Denn bis auf die Veröffentlichung von fünf Exemplaren seiner Doktorarbeit und deren Aufnahme in den ISBN-Katalog sind dafür alle Voraussetzungen erfüllt. Der Titel seiner Dissertation auf dem Gebiet Kunstgeschichte lautet „Nicolaus Heimen, ein Bildschnitzer im Herzogtum Schleswig-Holstein-Gottorf“. Diese Arbeit schließt nach Meinung von Experten eine wesentliche Lücke in der Kunstgeschichte Schleswig-Holsteins. Kontakt zu den Werken Heimens hatte Andresen bereits als Kind. Sein Vater war Pastor in Sankt Annen im Dithmarschen. In der Kirche war ein Retabel (Tafel hinter dem Altar), das in den 1950er Jahren teilweise vor Ort restauriert wurde. „Ich habe das als Jugendlicher von zwölf oder 13 Jahren beobachtet und war fasziniert, dass unter einer dicken Farbschicht, die im Laufe der Jahrhunderte über die Figuren dieses Retabels gestrichen wurden, Gesichter, Hände, Adern auf den Handrücken und Beinen zum Vorschein kamen“, erzählt er. Das habe ihn so fasziniert, dass er von diesen Figuren geträumt habe. Sie wurden noch lebendiger, liefen los und versteckten sich. Das habe ihn sehr tief beeindruckt. Es sei aber wieder in Vergessenheit geraten, bis er den ebenfalls von Heimen gestalteten Altar in der Struxdorfer Sankt Georg Kirche gesehen habe und Elemente wiedererkannte. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits Lehrer in Schnarup-Thumby und später in Böklund, unter anderem auch als Kunsterzieher. Mit dem Bedürfnis mehr über dieses Fachgebiet zu wissen, begann er mit Beginn des Rentenstandes ein Studium der Kunstgeschichte in Kiel. Er schloss es nach zehn Semestern als Magister ab. Seine Magisterarbeit handelte bereits von Heimen und dem Retabel von Sankt Annen. Und Professor Dr. Christoph Jobst nahm ihn mit offenen Armen als Doktorand auf. „Es ist wirklich mal an der Zeit, dass jemand über das Thema Heimen arbeitet“, meinte er, als Andresen es vorschlug. Acht Jahre lang las der späte Doktorand jedes Wort, das er über Heimen und die Kunstgeschichte seiner Zeit erhalten konnte. Er reiste zu allen Stellen, von denen ihm Werke von Heimen bekannt waren. Nur eine Prunkwiege, die für Herzog Friedrich III geschnitzt wurde, ließ er aus. Denn die Reise nach Stockholm war zu teuer und das Bildmaterial im Internet ausreichend. Ergebnis dieser acht Jahre Arbeit ist eine Dissertation, die aus einem Textband von 370 Seiten und einem Bildband von 230 Seiten besteht. In einer mündlichen Prüfung „verteidigte“ der Autor dieses Werk und bestand die Prüfung mit einer guten Note. „Für mich waren diese acht Jahre eine dauernde Entdeckungsreise“, verrät An­dresen. Er habe dabei viele Dinge neu gesehen und neu entdeckt. Bereits während seines Kunststudiums betrug der Altersunterschied zu seinen Kommilitonen 40 Jahre und mehr. Doch er nahm darauf Rücksicht. „Wenn junge Studenten, die später diesen Beruf als Lebensgrundlage ausüben wollen, keinen Platz in einem Seminar bekamen, bin ich selbstverständlich zurückgetreten“, war seine grundlegende Devise. Auch seine Professoren, die als Prüfer gefordert waren, waren mindestens 20 Jahre jünger als er. Doch er glaubt nicht, dass ihn dies bei der Notenvergabe benachteiligt habe. „Ich vermute sogar, dass meine Arbeit besser bewertet wurde, als wenn sie ein jüngerer Kollege abgegeben hätte“, vermutet er. Er als Lehrer hätte sie nicht so gut bewertet. Und bei der Abschlussarbeit habe er bereits Dinge entdeckt, die er heute nicht mehr so machen würde. Aber vor der mündlichen Prüfung hatte Andresen doch Bammel. Doch da beruhigte ihn sein Doktorvater: „Wenn hier einer etwas von Heimen weiß, dann sind Sie das und nicht die Prüfer“, gab er ihm auf den Weg. Die Doktorarbeit von Sönke Andresen ist für Fachleute geschrieben und für Laien schwer verdaulich. Deshalb will er im Herbst am Altar der Struxdorfer Sankt Georgs-Kirche einen Vortrag zu diesem Thema halten. Und vielleicht wird er das auch als Vortragsmanuskript herausgeben und auch an anderen Stellen Vorträge halten.
Info Nicolaus Heimen:
Nicolaus Heimen – auch Claus Heimen, Niklaß Heimen oder Claus Heim genannt– war in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts einer der bedeutendsten Bildschnitzer im Herzogtum Schleswig-Holstein-Goltoft. Seine Lebenszeit ist nur ungefähr bekannt. Aber es steht fest, dass er vor 1608 geboren und nach 1658 gestorben ist.
Im Kreis Schleswig-Flensburg finden sich neben dem Retabel in der Sankt Georgs-Kirche von Struxdorf noch heute Werke von ihm. Im Sankt Petri-Dom von Schleswig hängen die Epitaphien von Sledanus und von Peter Jugert. In der Friedhofskapelle von Schleswig-Friedrichsberg steht ein Triumphkreuz. Weitere Werke von ihm finden sich im näheren Umkreis. Ein Werk, das aus dem Rahmen fällt ist die Herstellung von vier Wiegen für Herzog Friedrich III von Gottorf, die dieser seinen Töchtern schenkte. Stilistisch ist Heimen schwer einzuordnen. Er liegt mit seinen Werken zwischen Manierismus und Barock. Seine Figuren sind lang gestreckt, schlank mit relativ kleinen Köpfen und oft mit großen Händen. Typisch für ihn ist die Gestaltung der Hintergründe von Altären und Epitaphien mit Ornamentik, dem sogenannten Knorpel- und Ohrmuschelwerk.

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