Vorreiter in der Denkmalpflege: Das Fenster der St. Johannis-Kirche

In der letzten Ausgabe hatte ich angekündigt, noch etwas genauer über die Instandsetzung des zurzeit fehlenden Thumbyer Kirchenfensters zu berichten. Denn es fällt so nicht unbedingt auf, dass hier in Thumby gerade etwas passiert, womit wir so in ganz Schleswig-Holstein Vorreiter in Sachen Fenstererhaltung in der Denkmalpflege sind! An dem Fenster wird eine sogenannte Musterrestaurierung durchgeführt. Es arbeitet daran die Tischlermeisterin Birgit Martius aus Hollmühle in einer Kooperation mit dem Fensterhandwerker Volker Marten aus Runkel in Hessen. Seine Firma Das FensterHandWerk ist einer der wenigen Fachbetriebe in Deutschland, die sich mit denkmalgerechter Sanierung historischer Holzfenster nach der traditionellen Methode der Konservierung mit Leinöl befassen, und kann auf umfassende Expertise und jahrelange Erfahrung auf diesem Gebiet verweisen. Konservierung (=Haltbarmachen) von Holz mithilfe von Leinöl ist ein Verfahren, das in Europa auf eine über 500 Jahre währende Tradition zurückblicken kann. Der Wirksamkeit dieser Methode ist es zu verdanken, dass wir heute überhaupt noch intakte Holzfenster vorfinden, die mehrere Hundert Jahre alt sind! So verhält es sich auch mit unseren Kirchenfenstern, die, wie es damals üblich war, aus guten Hölzern und in vernünftiger Handwerkskunst konstruiert und gefertigt und mit Leinöl und Leinölfarben behandelt wurden. Doch auch an ihnen ging der Wandel in der Welt der Farben, der in den 1950erjahren eingeläutet wurde, nicht spurlos vorbei. Und so wurden die Blendrahmen und die Flügel in den letzten paar Jahrzehnten in immer kürzeren Abständen mit neuen Lackanstrichen versehen. Diese hatten aber, wie man es von Lacken kennt, ihre ganz eigenen Nachteile. Ein jeder Lack liegt außen auf der Holzoberfläche auf. Er soll auf dem Holz eine Schutzschicht bilden, die man sich wünscht wie die intakte Rinde eines Baumes. Jedoch gibt es keinen noch so hochentwickelten Lack, der dies auf Dauer erfüllen kann, denn Holz dehnt sich natürlicherweise aus und zieht sich auch wieder zusammen. Lack hat ein anderes Dehnungsverhalten als die verschiedenen Bauholzarten, was unweigerlich dazu führt, dass sich in der Lackschicht mit der Zeit winzige Risse bilden, durch die Wasser von außen eindringen kann. Diese gestaute Feuchtigkeit kann nicht wieder richtig wegtrocknen, und so entstehen durch Fäulnis Schäden am Holz. Der Wunsch, dem verbauten Holz eine künstliche Rinde umzulegen, wird so jedenfalls nicht erfüllt.Was macht nun das Leinöl anders? Es arbeitet nach einem ganz anderen Prinzip, und die Nutzung dieses Prinzips war bis vor dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland und ganz Europa Gang und Gäbe. Es musste aber von hartnäckigen Menschen, federführend dem schwedischen Malermeister Hans Allbäck, wieder hervorgeholt werden. Dieser wollte sich nicht damit zufrieden geben, dass er in schwedischen Holzhäusern auf jahrhundertealte Fenster stieß, die dadurch, dass sie mit den Resten ihrer alten Anstriche einfach in Ruhe gelassen und vergessen worden waren, in einem wesentlich besseren Zustand waren, als neugebaute mit industriellen Farbbeschichtungen, die kaum 15 Jahre auf dem Buckel hatten. So suchte er seit den 80erjahren nach alten Rezepturen für Leinölzubereitungen und -farben, sowie Anweisungen für deren Verarbeitung. Je älter, desto besser,und ganz besonders aufschlussreich zu finden auch in alten deutschen Fachbüchern! Er begründete damit die Wiederbelebung der alten Tradition des Fensterhandwerks, in dem sich Fertigkeiten aus dem Tischler-, dem Maler- und dem Glaserhandwerk vereinen. So weiß man heute wieder, dass das entschleimte Leinöl – damit gemeint ist Leinöl, dem das enthaltene Eiweiß entzogen wurde, das Nährboden für Fäulnis oder Ranzigwerden bieten könnte – in seiner natürlichen Zusammensetzung ganz hervorragende und langanhaltend wirkende Eigenschaften besitzt. Denn die Hauptbestandteile des Öls aus dem Samen der Leinpflanze sind drei verschiedene sogenannte Fettsäuren, von denen die Linolensäure mit ihrer Wirkung besonders hervorzuheben ist, die den größten Bestandteil des Leinöls ausmacht. Sie gehört zur Gruppe der „mehrfach ungesättigten Fettsäuren“, was dafür sorgt, dass sie bei Zimmertemperatur sehr fließfähig ist, aber außerdem die Eigenschaft hat, an der Luft zu trocknen. Ganz kurz gefasst kann sie somit – unterstützt durch Wärme bei der Verarbeitung – tief in die offenen Poren des trockenen Bauholzes eindringen. Beim langsamen Trocknen verändern sich die kleinsten Bausteine der Linolensäure, ihre Moleküle. Dort, wo die kettenförmigen Bausteine einen Knick haben,werden Sauerstoffteilchen aus der Luft eingebaut und die Bausteine verändern ihre Form. Sie lagern sich passgenau übereinander und das Öl wird fest. Außerdem verbinden sie sich untereinander zu einem neuen, zäh-elastischen Stoff, den man sich wie ein Harz vorstellen kann. Schließlich verfestigt sich dieser nach ausreichender Trocknungsruhe vollständig. Man kann sich die robuste Beschaffenheit dieser neuen kleinen Bausteine in den Poren des so behandelten Holzes gut vorstellen, denn diese sind auch die Vorform des Materials Linoleum, über das in Schul- und sonstigen Fluren schon jahrzehntelang geschlurft wird. Und da diese kleinen Bausteine innerhalb des Holzes liegen, machen sie auch dessen Bewegungen mit. Es gibt keine Spannungsrisse in den Farben. So bekommt das Holz des Fensters in gewisser Weise doch wieder eine Rinde, die aus dem Holz selbst besteht, was mit besonderen „Abwehrkräften“ ausgestattet wurde. Durch zugefügte Pigmente entstehen Leinölfarben in unbegrenzt viele Farbtönen, welche immer deckend sind. Seinen Trumpf spielt dieses System dann nach Jahren aus, wenn bei normalen Anstrichen nachgestrichen werden muss. Dann nimmt man beim Fensterputzen zusätzlich einen weichen Lappen und etwas von dem reinen Leinöl zur Hand und reibt die Holzteile damit ein. Sofort wird die Farbe aufgefrischt und die Konservierungsschicht im Holz bekommt neue kleine Ölbausteine nachgeliefert. Die Wartung solcher Fenster ist begeisternd einfach und günstig, und dadurch gerade für alte Fenster in öffentlichen Gebäuden so interessant. Mehr Informationen zur Leinölkonservierung findet man im Netz auf der sehr informativen Internetseite der Fensterhandwerker.
Nun ist die Wirksamkeit der Leinölkonservierung auch nach neuen Erkenntnissen bestätigt und sie wird für die Verwendung im Denkmalbereich ausdrücklich empfohlen. Ziel ist jetzt, dieses Verfahren bekannter zu machen und Handwerker und Betriebe darin weiterzubilden. Und dies führen gerade Frau Martius und Herr Marten an unserem Thumbyer Kirchenfenster durch, was so zum Muster für die restlichen Fenster wird, die im nächsten Jahr bearbeitet werden sollen. Und das ganze Projekt ist dann beispielhaft für die Anwendung dieser althergebrachten und wiedererweckten Methode und die Verbreitung dieses Wissens in unserer Region!
Hella Hansen-Olizeg

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