Drama am Ende des 1. Weltkriegs: 101 Jahre Krippe

Im Hause von Erika Fürst in Ekebergkrug 17 ist im Moment eine Krippe aufgebaut, die das Schicksal ihrer Familie über lange Zeit begleitet.
Diese Geschichte begann zu Weihnachten 1917. In Frankreich tobten die Stellungskämpfe des ersten Weltkriegs. Fürsts Großvater Alfred Martensen hatte Heimaturlaub zu Weihnachten bekommen. Er hatte vor seiner Einberufung ein Baugeschäft mit Kohlenhandel betrieben, ein für damalige Zeiten hypermodernes Haus gebaut und 1912 geheiratet.
Er brachte aus Frankreich eine Krippe aus etwa sieben Zentimeter hohen, buntbemalten Gipsfiguren mit. Die Krippe besticht durch ihre Vielfalt. Außer der Heiligen Familie finden sich Hirten, Engel, Schafe, Könige, Ochs und Esel sowie andere Tiere und Menschen. Etwa 50 Figuren werden zum Weihnachtsfest 1917 unter dem Weihnachtsbaum aufgebaut und kräftig besungen.
Weniger als ein Jahr später ist der erste Weltkrieg vorbei. Alle warten auf die Rückkehr der Soldaten in die Heimat. Martensens Freunde sind alle schon zu Hause. Nur er fehlt noch.
Dann kommt am 18. Dezember ein Telegramm aus Siegen. Durch einen grausigen Streich des Schicksals wurde Martensen, der die ganzen Kriegsjahre unversehrt überstanden hatte, auf dem Weg in die Heimat krank. Das Telegramm schildert seinen Zustand als „bedenklich“. Er liegt im Lazarett „Kaisergarten“ in Siegen mit dem Verdacht auf „Spanische Grippe“ unter Quarantäne. Aus diesem Grund will man auch seine Frau nicht zu ihm lassen. Am nächsten Tag kommt ein weiteres Telegramm mit der Meldung, dass er am Vorabend verstorben sei. Es folgt der Hinweis, dass die Beerdigung drei Tage später und eine Überführung nach Struxdorf nicht möglich sei. Davon lässt sich sein Bruder Karl aber nicht abhalten. Er reist nach Siegen und schafft es, für den Leichnam eine Überführungserlaubnis zu bekommen. Er bereitet den Toten auch für die Beerdigung vor. Am 27. Dezember trifft der Zinksarg mit dem Zug in Ekebergkrug ein.
Martensen wird in seinem Wohnzimmer aufgebahrt. Ein Sichtfenster im Sarg erlaubt einen Blick auf den Toten. Am Weihnachtsbaum brennen 30 Kerzen – für jedes seiner Lebensjahre eines. Darunter ist die Krippe aufgebaut, unter der er nur einmal Weihnachten feiern konnte.
Details darüber erfährt man aus einem handschriftlich verfassten und später maschinell übertragenen Text seiner Frau Marie. „Der Sarg war von Kränzen eingehüllt“, schreibt sie. Denn die Dörfer Thumby und Struxdorf nahmen eng an seinem Schicksal Anteil. In Thumby war er geboren und in Struxdorf lebte er.
Besonders spektakulär war das bei seiner Beerdigung am Sonntag, den 29. Dezember 1918. In beiden Kirchen fiel an diesem Tag der Gottesdienst aus, weil alle Menschen aus beiden Dörfern sich zur Beerdigung in der Thumbyer Kirche drängten.
Pastor Heinrich Nissen hielt die Trauerrede. Deren Text hat Martensens Enkelin Erika Fürst in einer großen Eichentruhe gefunden. Sie fand dort auch die 100 Jahre alten handgeschriebenen Telegramme, da in die Dörfer nicht per Fernschreiber sondern telefonisch übermittelt wurden.
Für sie ist die Krippe ihres Großvaters untrennbar mit ihrer Familiengeschichte und dem Haus in Ekebergkrug verbunden. „Ich habe die Krippe meine gesamte Kindheit hindurch gehabt“, erzählt sie. Zu Weihnachten habe ihre Mutter die Krippe jedes Mal neu kreativ aufgebaut. Einmal sei sogar ein Teich dabei gewesen. „Wenn mein Bruder und ich an Weihnachten zur Bescherung gerufen wurden, schauten wir nicht nach den Geschenken, sondern blieben immer vor der Krippe stehen“, erinnert sich die heute 74-Jährige. Ihre Mutter habe die Bescherung mit Klavierspiel und Gesang begleitet. Und auch nach mehr als 100 Jahren hat die Krippe für sie ihren Zauber nicht verloren. Der Figurenbestand ist allerdings inzwischen durch Materialschäden auf 25 Objekte geschrumpft.
Am liebsten wäre es Fürst, wenn die Krippe weiterhin in jedem Jahr zu Weihnachten im Haus ihres Großvaters, das inzwischen ein anerkanntes Kulturdenkmal ist, aufgebaut würde.

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