Wenn das Laub fällt: Jedes Jahr wieder

Das Laub fällt von den Bäumen und will beseitigt werden. – Halt! – Das Laub will gar nicht beseitigt werden; es würde gerne liegen bleiben, aber es wird ja nicht gefragt! Der Mensch räumt gerne auf.
– Halt! – Da stimmt wieder etwas nicht. Einige Menschen räumen gerne auf, andere stört das herumliegende Laub nicht. Mich stört es auch nicht. Das heißt, es stört mich doch an manchen Stellen! Ich mag es nicht, wenn vor der Hintertür ein Blätterhaufen zusammengeweht ist, und der Rasen soll bitteschön auch Laub-frei sein. Zwischen den Beeten und Büschen und unter den Bäumen darf es ruhig liegenblieben. Und irgendwie ist das Laubharken die letzte Arbeit im Garten, alles andere ist winterfertig vorbereitet; wenn ich mit dem Laub fertig bin, geht’s von draußen nach drinnen, ins nachdenkliche, innere, gemütliche und auch faule Leben. Es kommt die dunkle Zeit, so wird sie genannt. Wir können sie uns hell machen oder auch nicht, es liegt an Jedem selbst. Es kann eine sehr schöne Zeit sein!
Aber vorher gibt es noch einiges zu tun. Das Wetter ist gnädig , es ist schon seit Tagen ein ganz stiller Herbst, neblig, es rührt sich kein Blatt am Baum, nur einzelne segeln von Zeit zu Zeit herab auf den Rasen. Ideal sich an die Arbeit zu machen, es macht Freude . Kein Wind bläst die zusammengeharkten Blätterhaufen auseinander. Die Gedanken laufen so mit mir mit und ich denke an Laub-Begebenheiten. Wie verschieden sind doch die Menschen!
Dienstlich hatte ich mit einer alten Dame zu tun, im Herbst; sie bat mich, ihren kleinen Rasen abzuharken, es wären so viele Blätter dort. Sie stellte mir einen Eimer bereit. Am Ende war der Eimer halb voll Laub. Die Dame bat mich daraufhin: „Door achten lingn noch een poor!“ – es waren vier oder fünf Lindenblätter. Diese noch aufzusammeln. Na gut. Sie konnte es ja nicht mehr. Nun war sie zufrieden.
Eine Nachbarin hier im Dorf war dafür bekannt, dass sie übers Laubharken nur jammerte: „Aal de Bläder! Wat fürn Arbeit!“ Sie fing schon im September damit an und schimpfte über die Blätter des Nachbarn, die natürlich regelmäßig zu ihr herübergeweht wurden: „Dat sünd gornich mien Bläder, ober de Naaber deit dat jo nich!“
Ein Bekannter hält gar nichts vom Laubharken. Jedes Jahr hören wir: „Dat do ich nich, lohnt sik gornich, in Fröjohr sind de sowieso wech!“ Wenn man ihn ansieht, könnte man denken, dass etwas körperliche Betätigung ihm guttäte! Aber er hat ja recht! Jetzt im Herbst liegt im Buchenwald alles voller Laub. Im Frühling ist dann unter den Bäumen nur ein dichter Blütenteppich voller Buschwindröschen zu sehen und an manchen Stellen wächst der Waldmeister. Wo ist das viele Laub geblieben?
Ein paar Tage noch, und dann wird alles wieder kahl sein. Ein Sturm-und Regen-Tag wird dafür sorgen, dass auch die letzten Blätter durch die Gegend fliegen. Die gemütliche Zeit kann beginnen. Jedes Jahr wieder!
Herta Andresen

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