„Das Pilgern ist des Preesters Lust“ (Teil 1) Bericht über einen Teil meines Sabbaticals

"Peter und Paul" in Görlitz

Ein „Sabbatical“ bewilligt zu bekommen, ist wie ein Hauptgewinn. Das kann ich jetzt mit Gewissheit sagen, nachdem die drei Monate Aus-Zeit vom Beruf hinter mir liegen. Von August bis Oktober war ich von allem, was sonst ist, freigestellt. Es war eine wunderschöne und reichhaltige Zeit, die ich da geschenkt bekommen habe! Und ich bin allen, die mich vertreten haben, sehr dankbar, dass auch sie mir dieses Sabbatical ermöglicht haben: den Frauen und Männern im Kirchengemeinderat, meiner Kollegin Reinhild Koring und meinen Kolleginnen und Kollegen in der Region Angeln-Süd.
Mein ursprünglicher Plan war eine 6-wöchige Reise durch Frankreich und Spanien, entlang der berühmtesten Kathedralen dieser Länder. Und als i-Tüpfelchen am Schluss wollte ich zwei Wochen pilgern, von Porto nach Santiago di Compostela. Als spätestens im April klar wurde, dass solch eine Reise im Corona-Jahr nicht umsetzbar sein würde, fing ich an, mich intensiver mit den Jakobswegen in Deutschland zu beschäftigen. Jakobswege ziehen sich wie ein riesiges Wege-Netzwerk durch ganz Europa. Es gibt Jakobswege, die in Skandinavien beginnen, oder im polnischen Krakau, oder in Belgien. Ziel all dieser Wege war Santiago di Compostela, wo – so hieß es – das Grab von dem Apostel Jakobus dem Älteren war (dahinter steht eine Legende). Wenn man die Strapazen einer mehrmonatigen Pilgerreise auf sich nahm, konnte man damit rechnen, am Zielort von aller Sünde freigesprochen zu werden, die man vielleicht auf sich geladen hatte. Santiago (= Sankt Jakob) war als Wallfahrtsort zeitweise bedeutender als Rom. Seit dem Buch von Hape Kerkeling ist der nordspanische Jakobsweg wieder sehr populär geworden; jährlich gehen ihn mehrere Tausend Menschen. Allein In Deutschland gibt es viele verschiedene historische Jakobswege. Den Pilgerführer kann man meistens im Rucksack lassen. Denn der Weg ist mit einem markanten Symbol ausgezeichnet, das sich an fast jeder Abbiegung findet.
Ich habe mich für zwei Jakobswege entschieden, die sehr unterschiedlich waren: Der erste war die Via Regia, ein uralter Handelsweg auf der Achse von Breslau immer gen Westen. Der zweite ging dann von Erfurt in Richtung Süden, bis Bamberg, insgesamt bin ich in 5½ Wochen ca. 530 km gegangen. An manchen Orten, die ich besonders schön oder interessant fand, blieb ich länger als eine Nacht: in Leipzig, Naumburg und Erfurt und Bamberg habe ich mich für zwei oder auch drei Nächte einquartiert.
Mein erstes Wegstück begann Mitte August an der polnischen Grenze, in Görlitz (Das Foto zeigt die zweitürmige Pfarrkirche St. Peter und Paul, kurz Peterskirche genannt, in Görlitz), und führte über Bautzen, Großenhain, Leipzig, Merseburg, Naumburg nach Erfurt, ca. 330 Kilometer. Dabei durchquerte ich drei Bundesländer, die ich bisher kaum kannte: Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Seit 2003 ist dieser Weg ein ökumenischer Pilgerweg, der von einem Verein getragen wird. Alle 8 bis 12 Kilometer gibt es eine Pilgerunterkunft, die oft von Privatleuten angeboten wird, oder von einer Kirchengemeinde; manchmal ist es auch eine Jugendherberge. Die Pilgerherbergen sind recht einfach, aber meist sauber: ein Raum mit Matratzen in einem Nebengebäude, ein umgebauter Zirkuswagen oder ein Landkino, von einer Kirchengemeinde betrieben – in solchen Unterkünften fand ich eine mehr oder weniger bequeme Unterlage, auf der ich meinen Schlafsack ausbreiten konnte.

Zirkuswagen als Pilgerquartier

Manchmal gab es eine Suppe aus der Dose, die ich mir warm machen konnte. Einige Male wurde ich zum Abendessen eingeladen. Und ganz oft suchte ich mir einen Imbiss oder ein Restaurant, um etwas zu essen. Ich ließ dann bei der Abreise einen Obolus in der Kasse des Vertrauens: als Richtwert gilt ein Betrag zwischen 10 und 20 Euro pro Nacht. Einen Pilgerstempel ließ ich mir auch in mein Heft geben, wo immer ich einen bekommen konnte.
Ich bin im Schnitt 20 km pro Tag gegangen. Es ging mir nicht um eine möglichst große Leistung, ich wollte mich fordern, aber nicht überfordern. Und ich wollte die Orte und die Landschaft um mich herum intensiv wahrnehmen. Meistens war ich alleine unterwegs, weil die Gehgeschwindigkeit etwas sehr Individuelles ist. Versucht man, zu zwei oder zu dritt zu gehen, kommt es nicht selten zu Konflikten. Ich traf unterwegs andere Pilger und Pilgerinnen, mit denen ich mich abends oder morgens sehr gut austauschen konnte. Was sich an Gesprächen ergibt, ist meist kein Smalltalk, sondern persönliche und zum Teil tiefgründige Gespräche, in denen man sich sehr öffnet. Die ersten 10 Tage ging ich zum Beispiel parallel mit Thomas aus der Gegend von München, einem jungen Lehrer, der sehr lustig war und einen forscheren Schritt hatte als ich. Meist blieb ich etwas hinter ihm zurück und kam dann eben eine ¾-Stunde später am Ziel an als er. Meine Pausen waren mir wichtig. Und wenn es etwas Besonderes zu entdecken gab, nahm ich mir Zeit dafür.
Eine andere schöne Begegnung gab es mit Barbara aus Berlin, die gerade durch eine schwierige Phase ihres Lebens ging. Das Gehen half ihr, fast von selbst, sich zu klären, Ballast abzuwerfen und gute Gedanken und Ideen zu kriegen. So ging es auch mir: Ich wurde mit jedem Tag freier und klarer. Bloße Freude machte sich breit und breiter. Anfangs gab es einen einzigen Regentag, einen Hitzetag (37 Grad) und einen extrem stürmischen Tag mit ankämpfen gegen den Wind. Danach war nur noch gutes, oft sonniges Wetter, 5 Wochen lang! Unglaublich. Nach anfänglichen Muskelschmerzen und einer Blase am Fuß ging es sich immer leichter und kraftvoller. Es gab Momente, in denen ich das Gefühl hatte, ich könnte die Strecke einfach bis Santiago weitergehen. Aber für 2400 km braucht man dann doch etwas länger als 6 Wochen.
Mein Rucksack hatte ich schon sparsam gepackt: nur einmal Wechselkleidung, dafür ein Waschmittel zum beinahe täglichen Waschen der durchgeschwitzten Sachen. Aber „nur das Nötigste“ waren anfänglich dann doch 8,5 Kilogramm, inkl. Wasserflasche. Zu viel, wie ich nach drei Tagen fand; ein erstes Päckchen ging zurück nach Hause: Abspecken. Das habe ich in Erfurt dann noch einmal gemacht. Als ich bei 7 kg war, ging es auch meinen Schultern gut. Ach ja, es stand ja schon im Führer: 1/10 des Körpergewichts; hätte ich doch nur gleich drauf gehört.
Christoph Tischmeyer
Der zweite Teil folgt.

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