Weihnachten im Dienst: Besondere Festtage

Fast 30 Jahre lang bin ich schon tätig im Ambulanten Pflegedienst. Ich hab mich eintragen lassen für den Dienst an den Feiertagen so wie in den meisten Jahren vorher auch. Trübe Gedanken, die jedes Jahr um die Weihnachtstage wiederkehren, lassen sich so gut bewältigen. Das hat die Erfahrung mir gezeigt.
Am Morgen des Heiligen Abends beginnt der Frühdienst um kurz nach 6 Uhr. Ich weiß noch nicht, ob ich Zeit haben werde, zwischen Früh- und Mittagsrunde nach Hause zu fahren. Es stürmt sehr und regnet, gar kein Weihnachtswetter, wie es allgemein gewünscht wird. Mir ist es recht, muss ich mich doch so nicht mit glatten Straßen oder Schneewehen herumquälen. Im Autoradio wird ein Weihnachtslied nach dem anderen abgespielt, „Let it snow, let it snow, let it snow“ und „White Christmas“ und so weiter und so weiter. Die Moderatorin bedauert, dass es kein weißes Weihnachtsfest geben wird. Der Wetterexperte wird befragt und kann auch nichts Anderes erzählen. Dabei ist es ein so sicheres Fahren allgemein auf allen Straßen und Autobahnen, wenn die Menschen unterwegs sind, um zum Fest bei ihren Lieben zu sein. Es hat eben alles seine Vor- und Nachteile. Aber die Romantik kommt anscheinend wieder mal zu kurz ! Es ist aber schön, überall die Weihnachtsbeleuchtungen in den Gärten und Fenstern zu sehen.
Mein Dienst beginnt etwas früher als üblich, weil einige Pflegekunden gerne vorm Fest noch geduscht werden möchten und ihre Haare „in Ordnung“ haben möchten.
Das ist verständlich. Einige sehen ihre Kinder und vor allem die Enkelkinder nur zu Weihnachten und freuen sich schon lange auf deren Besuch. Dann gibt es aber auch die Einsamen, die immer allein sind. Sie haben einfach niemanden mehr, fühlen sich übriggeblieben und sind besonders zu Weihnachten sehr traurig. Sie sind alt, Sohn oder Tochter sind schon vor ihnen gestorben, und sie wären am liebsten auch gar nicht mehr hier. Einen Weihnachtsbaum gibt es bei ihnen meist schon lange nicht mehr. Wenn sie noch zu zweit sein dürfen, geht es noch. Aber wenn der Partner auch nicht mehr da ist, dann ist es schlimm. Meist ist der Pflegedienst der einzige Kontakt zur Außenwelt. Und der Fernseher. Wenn es den nicht gäbe!
Ich bekomme fast überall ein kleines Geschenk, Schnapspralinen und sonstiges Schokoladiges, sogar einmal ein geschmücktes kleines Tannenzweiglein, liebevoll in einem Blumentopf dekoriert. Das freut mich besonders, hat es doch den alten Herrn Anstrengung gekostet, uns Pflegekräfte zu erfreuen. Jeder, der in diesen Tagen dort zu tun hat, bekommt so ein schönes Zweiglein mit nach Hause.
Gegen halb elf bin ich mit dem Frühdienst fertig und kann nun nach Hause fahren. Der Mittagsdienst beginnt um kurz vor 12 Uhr, gerade genug Zeit, um mit meinem Mann zu frühstücken und kurz in die Zeitung zu schauen. Dann geht es wieder weiter. Einige bekommen nur ihr Medikament gereicht, und für den Abend werden auch Medikamente heute von den Angehörigen gegeben, sodass der Abenddienst etwas entlastet wird. Bei einer bettlägerigen Patientin gibt es mittags einen längeren Aufenthalt, weil es ihr zur Zeit schlechter geht. Sie möchte gerne für immer gehen, aber „De leeve Gott holt mi eenfach nich!“, äußert sie. Ihre einzige Tochter lebt nicht mehr, und sie wohnt im Haus ihres Enkels. Das Bett ist so aufgestellt, dass sie aus dem Fenster schauen kann. Sehr selten ist es möglich, dass sie noch auf einen Stuhl gesetzt werden kann. Auch heute glückt das Aufstehen nicht und essen mag sie nur ein paar Bissen. Dreimal täglich kommt hier der Pflegedienst und an manchen Tagen auch jemand zur Betreuung. Ins Heim möchte sie auf keinen Fall; ihr Enkel hat es ihr versprochen, dass sie nicht mehr aus dem Haus gebracht wird, nur noch in der Großen Kiste! „Ik kumm morn wedder,“ sag ich zu ihr. „Dat is fein, ik freu mi, wenn du kümmst!“, antwortet sie. Sie hat keine Schmerzen, ist nur müde. So liegt sie und wartet, mit einem Teddy im Arm. Die Namen ihrer Pflegerinnen kennt sie nicht mehr, aber sie freut sich, wenn sie uns sieht.
Ich fahre zu unserer ältesten Pflegekundin. Sie ist tatsächlich schon über 100 Jahre alt. Ab und zu kann sie für einige Zeit mit Hilfe aufstehen und sitzt dann im Rollstuhl. Ihr Geist ist ganz klar. Ihre Söhne sind natürlich auch schon alt. Heute wird aber nachmittags niemand kommen, und deshalb bin ich nun dort, um nach dem Rechten zu sehen. Sie möchte nur liegenbleiben, ihre Ruhe haben und schlafen. Am Abend kommt ihre polnische Pflegekraft zurück, die sie sonst sehr gut versorgt. Ich reiche ihr zu trinken, sie bedankt sich und sagt, es wäre alles in Ordnung.
Ein paar Straßen weiter wohnt ein altes Ehepaar, das ich noch nicht kenne. Ich finde die beiden zur Mittagsruhe liegend im Schlafzimmer vor, helfe der alten Dame aus dem Bett, gehe mit ihr ins Bad und bringe sie mit ihrem Rollstuhl dann ins Wohnzimmer. Der Ehemann ist inzwischen aufgewacht und wundert sich über das fremde Gesicht. Ich stelle mich vor, und es stellt sich heraus, dass der alte Herr meinen Schwiegervater noch gekannt hat und dass er meinen Bruder von seinem Beruf her auch kennt. Darüber freuen wir uns beide sehr, und ich verspreche, meinem Bruder Grüße auszurichten. Der wird sich wundern! Wir sitzen noch ein paar Minuten am Wohnzimmertisch und unterhalten uns. Ich probiere die von seiner Tochter gebackenen Plätzchen und sage, dass ich an beiden Feiertagen wiederkomme.
Dann habe ich Feierabend, und zu Hause angekommen erzähle ich meinem Mann die Erlebnisse. Wir haben einen schönen Heiligabend, und ein schönes Weihnachtsgefühl ist bei mir angekommen.
Es ist ein stiller, mondheller 6-Uhr-Weihnachtsmorgen, so muss ich es einfach formulieren. Der Vollmond strahlt mich an, steht am nordwestlichen Himmel, ganz besonders groß heute. Für mich zeigt er heute sein Mondgesicht, obwohl ich weiß, dass kein wirkliches Gesicht da ist. Es wurde gesagt, dass erst in dreißig Jahren zu Weihnachten wieder ein Vollmond zu sehen sein wird. Niemand außer mir ist unterwegs. Ich treffe kein einziges Auto. Alles schläft noch am Weihnachtsmorgen. Ich fühle Freude in mir in meinem Herzen und Dankbarkeit, weil alles gestern Abend so schön war. Ein friedvoller und besinnlicher Heiligabend war es. Im Autoradio wird jetzt von den Monkeys „I am a Believer“ gespielt, ein Stück aus meiner Jugendzeit. Ich werde richtig euphorisch und drehe das Radio lauter. Da! Am rechten Straßenrand steht ein Fuchs! Im Scheinwerferlicht glühen seine Augen. Er steht ganz still, als würde er nur für mich da stehen. Schon bin ich vorbei. So ein Moment ist kostbar. Einen Fuchs sieht man sehr selten. Im letzten Jahr sah ich nur einen überfahrenen auf dem Radweg liegen, merkwürdigerweise war das auch während meiner Weihnachtstour!
Hinter dem nächsten Dorf nach ein paar hundert Metern bin ich am ersten Ziel angelangt. Ich sehe ein Reh auf der rechten Seite im Knick verschwinden und fahre links auf das Grundstück, steige aus und schließe die Haustür auf. Es ist dunkel im Flur und ich taste nach dem Lichtschalter. Da tönt es aus dem Schlafzimmer: „Frohe Weihnachten!“ Der alte Herr hat schon das Licht angemacht und schwingt seine Beine aus dem Bett. Es wird vom gestrigen Abend erzählt, während die Pflege erledigt wird und die Medikamente bereitgelegt werden. Seine Frau schläft noch; sie steht auf, wenn ihr Ehemann den Frühstückstisch fertig hat. Das kann er im Rollstuhl sitzend noch gut erledigen. „Meine Frau muss dann in den Keller, das Brot holen. Das kann ich ja nicht mehr, in den Keller steigen!“ So können sie sich gegenseitig helfen und den Alltag noch bewältigen. Das Mittagessen wird ihnen täglich von einem Service gebracht, aber zu Weihnachten kocht der Sohn, der nebenan wohnt. „Das schmeckt uns viel besser als das Fertige. Ist ja immer dasselbe!“ Ich kann das gut verstehen, habe ich doch diese Klage schon oft gehört.
Als ich nach weiteren zwei Pflegekunden zurückfahre, steht der große runde Sonnenball am Himmel, leuchtend orange. Das Licht spiegelt sich im nahe gelegenen See, und die Wolken haben leuchtende Ränder. Es ist ein feierlicher Anblick, wunderschön!
Auch heute bin ich zum Frühstücken wieder zu Hause. Es gab keine besonderen Vorkommnisse.
Der Mittagsdienst ist etwas kürzer, weil die Polin ihren Dienst bei der über Hundertjährigen wieder aufgenommen hat. So kann ich etwas später losfahren. Ich treffe den Sohn der ersten beiden Alten in deren Küche an. Es duftet nach Spargel. Es gibt Pasteten mit Gemüse. Er bittet mich, die Medikamente für den Abend schon zurechtzustellen. So muss niemand mehr kommen. Ich informiere die Kollegin, die abends den Dienst hat. Sie freut sich, weil es für sie ein Umweg wäre.
Die alte Dame mit dem Teddy schläft fest, bemerkt mich gar nicht. Ich lese im Protokoll, dass sie morgens auch schon schlief und während der Pflege nicht richtig wach wurde. Sie hat noch genug zu trinken am Bett stehen. Ich lasse sie in Ruhe, dokumentiere es und denke, dass es schön wäre, wenn sie jetzt für immer einschlafen würde.
Zu Hause wieder angekommen genieße ich es einfach, im Sessel zu sitzen und Musik zu hören. Ich lese und sehe fern. Es ist fast schon Abend. Da fällt mir etwas Wichtiges ein: Ich rufe meinen Bruder an und erzähle ihm von der Begegnung mit dem alten Herrn, der ihn kennt, bestelle die versprochenen Grüße. Mein Bruder kann sich sofort erinnern: „Mann, das ist doch so lange her! Ich glaub, ich war erst 18 oder so.“ Und heute ist er 63!
Der zweite Weihnachtstag kündigt sich nachts mit kräftigem Wind an. Die Zweige der Rosen schlagen gegen unser Schlafzimmerfenster. Und schon bin ich wieder unterwegs. Diesmal ist kein schöner Vollmond vor mir. Es stürmt stark und regnet in Strömen. Der Wind treibt den Regen über die Straße. Es besteht Gefahr von Aquaplaning – kein schönes Fahren! Im Radio höre ich „Sound of Silence“. Das hätte gestern besser gepasst! Der Wind drückt das Auto zur Seite, und man spürt die Böen. Ich denke so bei mir, wieviel Schnee das wohl wäre und bin froh, dass es nur Wasser ist. Heute ist der Dienst etwas kürzer, weil eine Familie die Pflege selbst übernehmen will, und so habe ich bis zum Mittagsdienst mehr Zeit. Besondere Vorkommnisse gibt es nicht. Inzwischen hat sich das Wetter wieder etwas beruhigt.
Dann erzähle ich dem alten Herrn von meinem Anruf und dass ich ihn zurückgrüßen soll. Er freut sich, dass auch mein Bruder sich an ihn erinnert hat. So kann man Freude verbreiten nur in Gesprächen. Und diese Freude kehrt ins eigene Herz zurück, so wie es in einem Spruch heißt, den man früher ins Poesiealbum schrieb.
Weihnachtstage im Dienst sind immer besondere Tage, und wer an diesen Tagen frei hat, der wird dieses Besondere nicht erleben!
Herta Andresen
aus: Weihnachtsgeschichten am Kamin 31, Reinbek (rororo) 2016

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