„Das Pilgern ist des Preesters Lust“ (Teil 2): Bericht über einen Teil meines Sabbaticals

Weg hinter Erfurt
Weg hinter Erfurt

Der zweite Pilgerweg von Erfurt nach Bamberg bekam einen anderen Charakter schon dadurch, dass es keine Pilgerherbergen mehr gab. Stattdessen kam ich in günstigen Pensionen unter, die mir auch ein Frühstück boten. Luxuspilgern sozusagen. Die Landschaft war jetzt ganz anders, ich war im Thüringer Wald und auf dem Rennsteig unterwegs, in einem Gebiet, wo noch bis ins 20. Jahrhundert hinein sogenannte „Buckelapotheker“ Heilmittel und Salben an die Menschen in den Dörfern verkauften; ihr Angebot trugen sie auf dem Rücken/Buckel. Und die letzten 100 km war ich in Bayern bzw. Franken unterwegs.
Ich habe einige schöne Begebenheiten erlebt, die ich hier nicht annähernd wiedergeben kann; sie würden den Rahmen sprengen. Manchmal war die Stille so greifbar, dass ich anhielt, meinen Rucksack abstellte und einfach eine Viertelstunde die Stille auf mich wirken ließ. Das rief Glücksgefühle hervor. Höhepunkte waren für mich außerdem die romanisch-gotischen Dome in Merseburg, Naumburg, Erfurt, Arnstadt und Bamberg, die ich stundenlang erkundete; allesamt wunderschöne Beispiele für diese großartige Epoche. Da wären die französischen Kathedralen auch nicht beeindruckender gewesen. Und überhaupt: die Städte am Weg waren eine Entdeckung: am meisten Görlitz, Naumburg und Erfurt. Im 2. Weltkrieg sind diese Städte ohne viele Bombenabwürfe der Alliierten davongekommen; und nach der Wende 1989/90 wurde nach und nach alles saniert und neu gestaltet: Beeindruckend!

Krämerbrücke in Erfurt

Auch die Begegnungen mit den Betreibern der Pilgerherbergen waren meist sehr leicht und schön. Die Besitzerin einer Pension begrüßte mich wie einen alten Freund, schlug mir drei verschiedene Abendessen vor, ließ mich dann erstmal ausruhen, steckte meine Wäsche in den Trockner, zeigte mir ihre Eichhörnchenzucht und kredenzte mir einen schönen Wein zum Steinpilzragout mit Knödeln; die Pilze hatte sie nachmittags selbst gepflückt. Diese lebenskluge Frau ließ mich teilhaben an ihrem interessanten Leben.
Und was macht nun das Pilgern aus, wenn es nicht einfach Wandern ist? Menschsein bedeutet: Auf dem Weg sein. Mit leichtem Gepäck losgehen, wirklich brauchen tun wir nicht viel. Morgens entscheiden, wo man abends ankommen möchte, und die Herberge „klar machen“, nicht schon Tage im Voraus.
Pilgern hat mit Wandlung zu tun. Nur wer sich wandelt, bleibt lebendig und sich selbst treu. In dem Augenblick, wo wir sagen: „Ich weiß jetzt, wie das Leben geht“ sind wir in Gefahr, fest zu werden. Das Leben ist voller Überraschungen und Neuanfänge, wie der Weg es ist, den man unter die Füße nimmt. Und Pilgern hat ein Ziel, aber nicht in erster Linie ein äußeres Ziel. Der Dichter Novalis hat die bekannte Frage gestellt: „Wohin denn gehen wir? – immer nach Hause“. Das eigentliche Ziel ist also ein spirituelles; man fühlt sich bisweilen Gott sehr nahe.

Dom zu Merseburg: Kreuzgang

Heute bekam ich ein E-Mail von einer Frau aus Schnarup-Thumby. Sie schrieb: „Ich hoffe, Du bist gesund, voller neuer Eindrücke und Erfahrungen und neuer Energie von deiner Wanderung zurück!“ Das konnte ich nur bejahen, besser hätte ich es selbst nicht sagen können. Ich kann nur jedem, der gerne geht und körperlich einigermaßen beisammen ist, empfehlen, es mit dem Pilgern mal zu versuchen. Man kann ja mit einem Schnupper-Pilgern in Schleswig-Holstein anfangen, auf dem Mönchsweg oder der Via Jutlandica. Oder ein paar Tage durch Angeln…
Seit Anfang Oktober bin ich jetzt zurück. Den Oktober über habe ich mir Mitstreiter gesucht, um die St. Johannis-Kirche in Thumby einen neuen Außenanstrich zu verpassen. Sonst arbeite ich selten handwerklich, dabei mag ich es sehr gern, wenn ich abends sehe, was ich geschafft habe. Inzwischen sind wir fertig mit diesem schönen Projekt, das allen Freude gemacht hat.
Christoph Tischmeyer

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