Meistens lecker, aber nicht immer: Grünkohl

Grünkohl ist etwas Leckeres. Er gehört zu Herbst und Winter einfach dazu, ebenso wie das Rübenmus. In diesem Jahr habe ich keinen Grünkohl gepflanzt, sondern ihn frisch bei Kartoffel-Lausen geholt. Ich fand nur eine einzige kleine Raupe darin. Ich dachte, dass Raupen im Gemüse auch immer weniger werden und daran, wie es mir damit vor ein paar Jahren passiert war.
Im Garten standen noch ein paar prächtige Grünkohlpflanzen. Ich hatte sie stehen lassen, damit sie ein bisschen Frost abbekommen sollten. Nach dem letzten Sturm namens „Nils“ sah der Garten noch zerzauster aus als ohnehin schon. Vom Reneclaudenbaum waren dicke Äste abgebrochen und lagen kreuz und quer auf dem Rasen. Das schon etwas demolierte Treibhaus bot einen traurigen Anblick, aber der Wind konnte ja nun hindurchfegen, ohne weiteren Schaden anzurichten. Die herausgefallenen Platten waren im Innern auf den Boden gelegt worden. Zwei Selleriepflanzen, von einer schiefen Platte halb verdeckt, warteten noch darauf, geerntet zu werden. Die Petersilie schaute aus zusammengewehtem Laub heraus. Auf dem Plattenweg, der zum Komposthaufen führt, lagen viele Blätter und von Vögeln herausgekratzte Gartenerde.
Der Grünkohl wurde aus der Erde gezogen und das untere Strunkenende gleich auf dem Komposthaufen gelassen.
In der Küche wunderte ich mich, dass es doch eine ganze Menge Grünkohl war. Ich schätzte, es wären für uns zwei volle Mahlzeiten.
Ich fing an, den Kohl abzustriebeln, d.h. die Blätter von den Stielen abzustreifen. Die Spüle wurde mit lauwarmem Wasser gefüllt und die erste Ladung Kohl abgewaschen. In der Regel wasche ich immer dreimal durch, damit auch jeglicher Schmutz und – ganz wichtig – eventuell darin befindliche Raupen im Waschwasser landen. Nach der zweiten Waschung lag unten in der Spüle ein winziges Räupchen. Igitt, doch eine drin, naja, wird ja nochmal gewaschen. Nach dem dritten Mal war das Wasser klar und nichts schwamm darin umher. Also, ab zum Blanchieren ins heiße Wasser, mit dem Holzlöffel den Kohl schön runterdrücken, damit möglichst viel in den großen Topf hineinpasst! Noch einmal das Obere nach unten kehren, mit dem Schaumlöffel herausheben ins Sieb zum Abtropfen. Und so ging es bis zur dritten Fuhre weiter.
Ich dachte dabei an das Grünkohl-Abwaschen früher bei uns zu Hause, das war immer sehr viel Arbeit gewesen. Mehrere Schubkarren voller Grünkohl wurden in der Scheune abgeladen und nach und nach in der Badewanne abgewaschen. Mit kaltem Wasser natürlich. Zahlreiche Raupen schwammen in der Wanne. Mit Grausen dachte ich daran! Der Grünkohl wurde dann in großen Mengen eingekocht.
Es gab damals ab und zu auch „Haasenwelling“, eine Brühesuppe mit durchgedrehtem Grünkohl darin, mit Hafergrütze angedickt. Meine Lieblingsspeise war es nicht, ebensowenig wie der Grünkohl mit Kassler, Schweinebacke und Kochwurst. Erst als Erwachsene mochte ich Grünkohl richtig gern.
So, die letzte Fuhre war im Topf. Ich nahm den Holzlöffel, um die Masse noch einmal umzudrehen. Da schaute etwas dicklich Weißes zwischen einigen Blättern hervor. Ich dachte: „Ach, ein Stückchen Holz!“ und fasste vorsichtig wegen der Hitze das Etwas an und zog es heraus: „Igitt, das ist ja eine Raupe, und sooo eine dicke! Pfui Teufel!“ Sie landete in hohem Bogen bei den Kohlstrunken. Gargekocht, ganz weiß! Na ja, ich hatte es rechtzeitig bemerkt. Sämtlicher schon blanchierter Kohl wurde vorm Kleinhacken nun sorgfältig durchsucht. Gott sei Dank, alles in Ordnung! Wenn sie weiß sind, sieht man sie ja wohl? Keine weiteren Raupenleichen zu finden! Ich muss mich ja nicht so anstellen. War ja nur die eine!
Ich bereitete unser Mittagessen zu, Grünkohl mit Bratkartoffeln, dazu etwas Räuchertofu. Weil wir Vegetarier sind, kommt in den mit etwas Zwiebeln gekochten fertigen Grünkohl nur Butter und wird mit Salz abgeschmeckt.
Es war ja nur die eine Raupe! Man muss sich nicht so anstellen! Aber: Irgendwie hat mir der Grünkohl nicht so gut geschmeckt wie sonst!
Herta Andresen

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