Spaziergang durch Angeln: Gedanken über die Knicks

Wir gehen viel spazieren oder walken, meist auf den in der Nähe gelegenen Feldwegen an den Knicks entlang und dann durch den Schnaruper Wald an der Au vorbei bis zur Brücke, wo man dann auf den Neuen Weg kommt und zurück ins Dorf gelangt. Manchmal laufen wir auch noch durch die Schnaruper Wiesen. Fast überall schützt uns ein Knick vor Wind und Regen. Neulich aber bot sich uns ein unschöner Anblick auf der ersten Strecke des Weges, und das auf beiden Seiten. Der Knick war abgeschlagen worden. Ich weiß, dass es ab und zu sein muss. Aber trotzdem bin ich jedes Mal traurig, wenn ich es sehe. Ab und zu war ein noch ganz dünner Baum stehen gelassen worden. Auf der Koppelseite lagen die Buschholzhaufen und warteten darauf, dass sie geschreddert werden. Das etwas dickere Holz wird wohl auch nicht mehr herausgesägt, so wie früher. Heutzutage wird so ein Knick innerhalb eines Tages abgehauen. Alles maschinell, ein Kettenfahrzeug schneidet ( oder kneift eher ) alles ab. Der Knick wird nicht mehr „auf den Stock“ gesetzt. Ich befragte meinen Mann , wie das früher gehandhabt wurde. Er erzählte, dass er imWinter vormittags nach der Viehversorgung losmarschierte, mit einem Beil und dem Hiebs, in den Taschen Pfeffernüsse, die Reste der Weihnachtsbäckerei. Nach der Mittagsstunde dann noch einmal, bis zur Futterzeit. „Wie, nur mit einem Beil, nicht mit einer Säge?“ – „Nein, nur Beil und Hiebs”. Er erklärte mir, was mit dem Hiebs gemacht wird, aber das hochdeutsche Wort dafür konnte er mir nicht sagen. Das Wort ließ mir keine Ruhe und ich rief bei unserem ehemaligen Nachbarn an, der das doch wohl wissen musste. Ein Hiebs ist ein Zugmesser, erfuhr ich. Das erklärt dann ja schon, wie es benutzt wird. Als ich noch ein Kind war, spielten die Knicks in meinem Leben eine große Rolle. Wir versteckten uns darin, bauten Höhlen, kletterten darin herum, ließen unserer Fantasie freien Lauf. Besonders die ganz alten Knicks waren dafür wunderbar geeignet. Vogelnester wurden gesucht und beobachtet. Wir fanden Laubfrösche, Blindschleichen, Fuchslöcher, und im Herbst pflückten wir Brombeeren und Nüsse. Wenn ein Knick abgehauen war, lag dann hinter unserem Haus ein großer Buschholzhaufen, Auf dem kletterten wir Kinder herum und hüpften , denn das war unsere Wippe. Wir pflückten auch Weidenkätzchen für die Vase. Das grobe Brennholz war herausgeschnitten und lag bereit für die Kreissäge. Im frühen Frühjahr dann kam der Buschknacker. Das war immer sehr aufregend für uns Kinder. Es hieß „Korl Kanink kümmt !“ Ein älterer Herr mit seinem Trecker und dem dahinter gespannten Buschknacker fuhr ums Haus herum zum Holzplatz. Vater und Großvater halfen, das Buschholz zum Zerkleinern in den Trichter hinein zu schieben. Es machte einen ziemlichen Lärm. In Gedanken hab ich dieses „Knack Knack Knack“ noch im Ohr. Einmal war gerade dann meine Tante bei uns zu Besuch. Meine Mutter backte Puttkook (Napfkuchen) und auch noch einen Apfelkuchen. „Dat mutt jo langen, denn Korl mach gern Kooken.“ Zur Kaffeezeit saßen alle in unserer kleinen Küche. Meine Tante sagte: „Moin, Herr Kaninchen!“ Alles guckte – wie peinlich, aber dann musste Korl so lachen, dass er gar nicht aufhören konnte, und alle lachten. Am peinlichsten war es meiner Tante; sie hatte einen ganz roten Kopf. Ich weiß bis heute nicht, wie Korl Kanink wirklich hieß. Vielleicht wusste es auch sonst keiner. Nun war wieder Brennholz für den nächsten Winter bereit. Das Buschholz wurde nach und nach in den Schuppen gefahren, die dicken Äste mit der Kreisssäge zersägt und anschließend gespalten und aufgesetzt. Ich versuchte auch oft das Holz zu spalten, auf dem Haublock steckte meist das Beil. Das durfte ich natürlich nicht. Auch das Geräusch der Säge ist noch in meiner Erinnerung, wie so vieles Andere aus meiner Kindheit. Ich sehe uns noch alle in der Küche sitzen; dort war es immer warm. Der Ofen in der Stube wurde erst abends beheizt. Manchmal kam ein Nachbar zum Schnacken. Man saß auch einfach auf dem Holzkasten neben dem Herd. Auf dem Herd brummte der Teekessel vor sich hin; meine Mutter goss Wasser in die Kaffeetasse mit dem Nescafé. Es war so gemütlich.
In diesem Jahr werden wir hier keine Brombeeren pflücken können, auch keine Nüsse, und die Fliederbeerbüsche müssen auch erst wieder wachsen. Aber es gibt ja noch genug Knicks, die noch nicht dran sind. Und es schadet auch nicht, wenn wir woanders danach suchen müssen. Bewegung ist ja gesund.
Herta Andresen

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