Wenn der Bus kaum noch fährt: Hilft die Mitfahrbank?

Auf der Fahrt mit dem Pkw durch unsere schöne Landschaft Angeln kam ich wieder einmal an einer sogenannten Mit-fahrbank vorbei, die in einem unserer Nachbarorte aufgestellt ist. Wie ich herausfand, gibt es in unserer Gegend inzwischen eine ganze Reihe von größeren und kleineren Orten, in denen man solche Bänke entdecken kann.
Die solide und wetterfest gefertigten Bänke finden sich an viel befahrenen Straßen, nicht selten in der Nähe von Bushaltestellen. Ein mit „Mitfahrbank“ beschriftetes Schild deutet auf die Funktion des Outdoor-Sitzmöbels hin. Herausklappbare Schilder sind mit Ortsnamen beschriftet, um den Autofahrern den gewünschten Zielort zu signalisieren.
Warum gibt es so etwas in meinem Wohnort Schnarup-Thumby eigentlich bisher noch nicht? Jede Verbesserung der schwächelnden Verkehrsinfrastruktur wäre doch äußerst wünschenswert, zumal sich in unserer Umgebung schon einige Mitfahrbänke befinden (Satrup, Sörup, Süderbrarup) und man damit auch attraktive Zielpunkte hätte, die man ansteuern könnte und von denen man sich auf die gleiche Weise auch wieder auf die Rückfahrt machen könnte.
Je mehr ich mich mit der Sache befasse, desto deutlicher wird mir, in welch kontroverser Spannweite dieses Thema diskutiert wird. So ist der in Hürup ansässige Verein „Boben op Klima- und Energiewende e.V.“ ein klarer Befürworter der Mitfahrbank-Idee. Auf der Website www.bobenop.de heißt es, dass die Mitfahrbank eine einfache und leicht umsetzbare Lösung für mehr Klimaschutz, soziale Teilhabe, Begegnungsraum und Aufwertung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) sei, zumal es in vielen Gemeinden und Kommunen, besonders im ländlichen Raum, häufig an öffentlichen Verkehrsmitteln fehle, vor allem abends, an Feiertagen und Wochenenden. Also alles ganz einfach: Bank aufstellen – schon geht der Spaß los, und man tut auch noch was für’s Klima. Wenn ich das lese, stelle ich mir – jenseits von Corona – eine begeisterte Menge im Gewusel und Gerangel um die besten Plätze auf der Mitfahrbank vor. Welch ein schöner Traum! Aber meine persönliche Wahrnehmung ist leider eine andere: Ich habe auch vor Corona noch niemals jemanden auf einer Mitfahrerbank sitzen und warten sehen. Das mag aber ein rein subjektiver Eindruck sein – oder??
In der Aprilausgabe 2021 des Schleiblättchens (www.schleiblatt.de) findet sich auch etwas zum Thema Mitfahrbank, allerdings unter einem ganz anderen Gesichtspunkt. Dort können wir lesen, dass in den 60er und 70er Jahren wohl fast alle Eltern ihren Kindern diesen Satz mit auf den Weg gegeben haben: „Steig nie bei Fremden ein!“ Und bis heute gibt es gute Gründe dafür, diese Warnung zu befolgen. Habe ich ein gutes Gefühl bei der Vorstellung, dass mein Kind oder Enkelkind sich auf die Mitfahrbank setzt und wenig später in ein Auto mit unbekanntem/r Fahrer/in einsteigt? Wohl eher nicht. Auch aus der Perspektive der/s Mitnehmenden wird es heikel: Lasse ich als Autofahrer/in eine unbekannte Person, von der ich nichts weiß und deren Namen und Beweggründe ich nicht kenne, einfach so in mein Fahrzeug einsteigen? Ich wäre da eher zurückhaltend. Unproblematisch ist es nur dann, wenn die Personen sich kennen und vertrauen. Aber können wir heutzutage in unseren Dörfern davon noch ausgehen?
Gibt es Beispiele für ein Gelingen der Mitfahrbank-Idee? Laut ADAC ist es für die Akzeptanz entscheidend, dass es ein entsprechendes Informationsangebot gibt sowie ein gutes Marketing – damit die Mitfahrbänke bekannt werden. Ein Beispiel für ein offenbar gelungenes Mitfahrbank-Konzept bietet die Gemeinde Schuttertal in Baden-Württemberg. Vor zwei Jahren hat die 3.000-Seelen-Gemeinde das „Mitfahrbänkle“ eingeführt. Aber während anderenorts lediglich eine Bank aufgestellt und dann sich selbst überlassen wurde, gibt es im Schuttertal ein schlüssiges Konzept und Personen, die sich für das Gelingen des Projekts verantwortlich fühlen. Es wurde viel Werbung für die Idee gemacht, und es wurden nicht nur eine, sondern mehrere Bänke aufgestellt – inzwischen sind es 16 (23 geplant), um möglichst viele Haltestellen im Gemeindegebiet und in Nachbargemeinden zu haben. Um für die Mitfahrer/innen ein Mindestmaß an Sicherheit zu gewährleisten, müssen sich die mitnehmenden Autofahrer/innen bei der Gemeinde registrieren lassen und erhalten einen Aufkleber, den sie an ihrem Fahrzeug anbringen. Die Resonanz ist offenbar beachtlich. Allerdings müssen die Nutzer Geduld aufbringen. Wer einen festen Termin hat, sollte sich auf das „Mitfahrbänkle“ besser nicht verlassen. Für nähere Informationen zu diesem Projekt einfach „Mitfahrbänkle Schuttertal“ in eine Suchmaschine eingeben. In einigen regionalen Zeitungsberichten aus dem Schwarzwald ist zu lesen, dass das Projekt im Moment Corona-bedingt praktisch zum Erliegen gekommen ist, obwohl die Corona-Regeln das Mitfahren im Auto nicht verbieten. Wenn die Pandemie überwunden ist, soll es aber wieder angekurbelt werden.
Und wie sieht es in unserem Amtsbereich Mittelangeln aus? Ist dort Bedarf? Immerhin leben in unseren amtsangehörigen Gemeinden so um die 10.000 Menschen. Viele von ihnen leben so wie meine Frau und ich dort, wo man sich fußläufig nicht mehr versorgen kann und auf ein Beförderungsmittel angewiesen ist. Wenn ich an meinen Wohnort Schnarup-Thumby denke, so betrachte ich das hiesige ÖPNV-Angebot als ziemlich aus der Zeit gefallen. Die einzige regelmäßige Busverbindung, mit der Schnarup-Thumby im Zwei-Stunden-Takt bedient wird, ist die Linie 1615 Schleswig-Mohrkirch. Mit dem Bus nach Mohrkirch – das war früher mal interessant, als dort ein Bahnhof war und der Zug von Kiel nach Flensburg dort noch halt machte. Das ist aber seit 35 Jahren vorbei. Dem gegenüber ist der Bahnhof Sörup, der ja in unserem Amtsbereich liegt, von Schnarup-Thumby aus per ÖPNV praktisch nicht erreichbar. Wenn man die Fahrplanauskunft nah.sh befragt, erhält man abenteuerliche Auskünfte mit viermal Umsteigen, Umwegen über Schleswig und Flensburg und einer Fahrtzeit von annähernd zwei Stunden. Die Verbindung zum Bahnhof Süderbrarup ist nicht viel besser. In unserem Amtsbereich könnte, was Verkehrsverbindungen anbetrifft, also noch viel neu entwickelt werden. Ein gutes Mitfahrbank-Konzept könnte diese Entwicklung vielleicht unterstützen. Mal sehen, vielleicht tut sich ja was, wenn die Pandemie überwunden ist.
Das Foto ist dem Werbeflyer der Gemeinde Schuttertal entnommen.
Ulrich Barkholz

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