Nach der Obsternte: Apfelzeit

Schon wieder ist ein Jahr vergangen, schon wieder ist Apfelzeit! Unsere Apfelbäume haben alle im Frühjahr wie verrückt geblüht. Natürlich gibt es nie so viele Äpfel wie Blüten dran sind, das ist auch gut so und wäre für die Bäume gar nicht zu ertragen. Im letzten Jahr gab es sehr viele Äpfel, in diesem Jahr viel weniger, aber immer noch genug. Inzwischen sind sie gepflückt und eingelagert, gesammelt, ein großer Teil wie jedes Jahr zur Mosterei gebracht worden. Etliche Gläser mit Apfelmus stehen im Keller und momentan verarbeite ich noch sehr dünn geschnittene Apfelscheiben mit dem Dörrgerät zu leckerem Trockenobst. Bei solchen Tätigkeiten gehen meine Gedanken zwangsläufig zurück in die Vergangenheit.
Als ich noch klein war (in den fünfziger Jahren) war die Vielfalt des Obstangebots in den Läden nicht sehr groß. Apfelsinen gab es nur zu Weihnachten. Bananen auch selten. Darum wurden Äpfel bei uns zu Hause sehr sorgfältig eingelagert, auf dem Heuboden, mit Heu bedeckt. Die Cox-Orange-Äpfel erinnere ich als ziemlich schrumpelige kleine Äpfel, aber sie waren sehr süß und das Schrumpelige spielte überhaupt keine Rolle. Sie waren lecker. Zum Heuboden hinauf musste man per Leiter. Meist holte mein Vater oder Großvater nach dem Melken abends ein paar Äpfel herunter. Die wurden dann nach dem Abendessen mit Genuss verzehrt. Es kam vor, dass Mäuse sich auch bedient hatten, aber es hielt sich in Grenzen, denn mehrere Katzen wohnten auf dem Boden.
Wenn die ersten frühen Sorten reif waren, (ihre Namen weiß ich nicht – es waren sehr alte Bäume) dann sammelte ich mir ein paar sehr schöne auf, nahm ein Buch und kletterte auf unser Schuppendach, um dort in aller Ruhe und mit Genuss zu lesen. Auch zur Schule wurden immer Äpfel für die Pause mitgenommen. Wir Kinder kannten alle Apfelbäume in der Nachbarschaft, und wussten welche am besten schmecken. Natürlich wurden auch mancherorts mal verbotenerweise Äpfel abgepflückt. Bratäpfel waren im Winter ein absolutes Highlight. Dafür hatten wir den Boskop. Der war auch am haltbarsten. Meine Großmutter trocknete Äpfel in unserem Herd in der Küche. Damit übertrieb sie es etwas. Denn meine Mutter sagte oft: „Nu is aber nuch!“ Wenn die Äpfel fertig getrocknet waren, wurden sie in Zwiebacktüten (Brandt-Zwieback – ein rotbäckiges Kind war drauf zu sehen) auf dem Flurschrank der Großeltern aufbewahrt. Sie gehörten in die Saftsuppe, die es damals nicht nur zu Silvester gab oder in die Backobstsoße für den Nudelpudding. Und getrocknete Apfelscheiben waren ein gesundes Naschwerk. So viele Naschereien wie heute gab es noch nicht. Als meine Großmutter gestorben war, fanden wir noch in einem Schrank vergessene Tüten mit verschimmelten Apfelscheiben.
Als dann durch unseren Garten die Wasserleitung verlegt wurde, mussten leider zwei große alte Apfelbäume weichen. Viele alte Obstsorten gibt es nun nicht mehr. Das ist schade. Auch auf den Knicks sind sie meist nicht mehr zu finden. Dafür sind die Supermärkte voll mit Äpfeln aus aller Welt. Die schmecken aber lange nicht so gut wie unsere eigenen aus unserem Garten.
Apfelkuchen ist doch immer lecker. Meine Mutter pflegte einen speziellen Apfelkuchen besonders oft zu backen. Ich sagte dann immer: „Was – schon wieder den?“ – „Ja, der ist so schön einfach. Man kann sehr viele Äpfel verarbeiten, und es gehört kein Fett dran. Und Eier haben wir selbst von unseren Hühnern!“ Na ja, welchen Apfelkuchen backe ich wohl nun am meisten? Na klar, den von meiner Mutter!
Herta Andresen

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