Ein Päckchen zum Advent: Stollen-Geschichte

Immer kurz vor oder nach dem 1. Advent erhalten wir Jahr für Jahr mit der Post ein längliches Päckchen. Gerade erwarten wir wieder ein solches. Angekündigt wurde es uns schon per WhatsApp, was vor über 30 Jahren noch nicht möglich gewesen wäre! Nicht einmal telefonisch, nur per Brief. Das Päckchen hat immer den gleichen Inhalt. Es ist ein Christstollen, und auf der dazu gehörenden Weihnachtskarte steht mit derselben Handschrift folgendes: „Eine schöne Adventszeit wünscht Euch Christine. Lasst Euch den Stollen schmecken!“ Wir rufen dann an und bedanken uns, und sie weiß Bescheid dass er angekommen ist.
Diese Stollen-Geschichte beginnt zu der Zeit, als Deutschland noch ein geteiltes Deutschland war. Mein Sohn las gerne „Fix und Foxi“-Hefte. 1979 hatte er seine Anschrift dort angegeben in der Hoffnung, einen Brieffreund zu bekommen. Es ergaben sich auch mehrere Kontakte. Jedoch verloren die Kinder dann bald die Lust am Briefeschreiben. Erst zwei Jahre später bekam ein Junge in der DDR namens Ralf über Umwege ein ziemlich abgegriffenes „Fix und Foxi“-Exemplar in die Hand und schrieb meinem Sohn einen Brief. Wie aufregend, Post aus Sachsen! Daraufhin begann ein reges Schreiben von Ost nach West. Die beiden Jungen hatten sich viel zu erzählen. Alle beide sammelten Briefmarken und tauschten sich aus über Fußballvereine. Wir erfuhren nun sehr viel über das Leben in der DDR. Zu Weihnachten schickten wir Päckchen mit Spielzeugautos und Naschereien. Bücher senden war leider nicht erlaubt. Jeans waren hochwillkommen. Ins Paket musste ein Zettel mit Inhaltsangabe und der Überschrift „Geschenksendung, keine Handelsware“ gelegt werden. Ralfs Mutter schickte uns bald regelmäßig einen selbstgebackenen Stollen. Als dieser zum ersten Mal bei uns ankam, waren wir etwas enttäuscht. Wir hatten uns einen Sächsischen Stollen ganz anders vorgestellt! Er war sozusagen nackt, ganz ohne Puderzucker, uns kam er sehr trocken vor. Wir schnitten ihn auf und bestrichen die Scheiben deshalb dick mit Butter, wie es zum Teil hier in Angeln üblich ist, so schmeckte er uns ausgezeichnet.
Einige Jahre ging es so weiter mit der Korrespondenz. Auf beiden Seiten der Grenze wurden die Briefe sorgfältig abgeheftet und gut verwahrt. Und jedes Jahr erreichte uns der sächsische Stollen. Irgendwann hatte auch ich Kontakt mit den Eltern des Jungen. Es entstand nun ein Briefwechsel mit Eltern und Kindern. Wir besuchten unter vielen Schwierigkeiten mehrere Male die DDR, um die Brieffreunde persönlich kennenzulernen. Jedesmal gab es Tränen beim Abschied. Sie meinten, dass sie wohl niemals über die Grenze zu uns kommen könnten. Ein paar Jahre vergingen. Mein Sohn und sein Brieffreund waren inzwischen erwachsen und hatten beide den Führerschein. Aber nur von unserer Seite aus konnten Besuche stattfinden. Doch dann – was niemand geglaubt hatte – geschah es doch: Die Grenzen waren offen; die Mauer war tatsächlich gefallen! Mein Sohn und einige junge Leute fuhren direkt zur Grenze, um dort die Ostdeutschen willkommen zu heißen. Viele Menschen hatten sich spontan auf den Weg in den Westen gemacht. Auch Ralf und seine Freundin kamen bald bei uns an.
Wir luden Ralfs Eltern ein, Weihnachten bei uns zu verbringen und sie machten sich mit ihrem Trabi auf den langen Weg zu uns in den äußersten Norden. Niemals werden wir diese Freude vergessen, als wir Christine und Dieter aus dem Trabi steigen sahen. Es war ein unvergessliches Weihnachten für uns alle.
Als wir nun unter anderem auch den kläglichen Rest des im Advent erhaltenen Stollens servierten, machten Dieter und Christine große Augen. „Ist das unser Stollen? Warum habt Ihr den denn nicht gestrichen?“ Wir erfuhren, dass der Stollen nach dem Backen mit viel zerlassener Butter „gestrichen“ und danach mit Puderzucker besiebt wird. Die beiden hatten angenommen, dass wir es selbst tun würden und ihn deshalb immer „nackt“ geschickt! „Ihr habt ihn jedes Jahr so gegessen – das darf doch nicht wahr sein!“ Wir mussten alle sehr lachen. Jedes Jahr Anfang Dezember kommt der Stollen seitdem fix und fertig, wie es sich gehört, gestrichen und gepudert bei uns an. Und wir wissen inzwischen auch: Der Stollen wird sehr dünn aufgeschnitten, und nur so ist es ein Original-Sächsischer Christstollen! Hätten wir unsere DDR-Besuche mal zur Weihnachtszeit gemacht, hätten wir es wohl eher gewusst!
Der Brieffreund meines Sohnes wohnt nun schon lange im Ruhrgebiet. Christine lebt nach dem Tod ihres Mannes allein in Sachsen. Morgen wird sicher der angekündigte Stollen ankommen, mit dem üblichen Text: „Ich wünsche Euch eine schöne Adventszeit! Lasst Euch den Stollen schmecken. Liebe Grüße von Eurer Christine“.
Herta Andresen

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