Silvesterüberraschung: Problemfall Stiefel

Am Silvesterabend gehen wir seit Jahren mit unseren Freunden ins Theater. Schon im Oktober wird überlegt, wohin wir danach zum Essen gehen wollen. Unser Ziel sollte in diesem Jahr das „Ringelnatz“ sein, wo ein 6-Gänge-Silvestermenü angeboten wurde. Wie schön, so etwas hatten wir noch nicht mitgemacht, also wurde ein Tisch vorbestellt.
Silvester kam. Es hatte geschneit, aber der meiste Schnee hatte sich schon wieder in Matsch verwandelt. Kalt war es und weiterer Schneefall angesagt. Also entschloss ich mich, meine schwarzen Stiefeletten anzuziehen. Ich hatte sie lange nicht mehr getragen. Ganz hinten im Schuhschrank fand ich sie, etwas staubig. Mit einem Lappen noch schnell den Staub abgewischt – zur Garderobe passten sie gut. Sie waren sozusagen „zeitlos“ und hatten keine Absätze. Genau das Richtige für mich, weil ich nicht gerne Schuhe mit hohen Absätzen trage.
Wir fuhren los und holten auf dem Hinweg wie immer unsere Freunde ab. Der Parkplatz beim Theater war schon ziemlich voll, sodass wir das Auto ganz hinten in der letzten Reihe abstellen mussten und ein wenig weiter zu laufen hatten. Es war nicht so praktisch, sich auf dem Schnee-matschigen Platz im Dunkeln den besten Fußweg auszusuchen.
Das Theaterstück war sehr lustig, wie es sich für eine Silvestervorstellung gehört. Gut gelaunt und voller Vorfreude auf das Essen spazierten wir die Treppe hinunter zur Garderobe. Ich hatte am rechten Fuß ein merkwürdiges Gefühl. Irgendwie so kalt. Unten angekommen sah ich, dass an der Außenseite meines Stiefels die Sohle locker war, es klaffte schon eine Öffnung, kein Wunder! Du liebe Zeit! Na, wir sollten ja gleich wieder sitzen! Halb so schlimm! Aber nun ging’s über den Parkplatz. Da merkte ich schon, dass die Sohle sich mehr und mehr löste. Igitt, mein Fuß wurde nass, kein Wunder bei den vielen Pfützen und dem Matsch! Als ich im Auto saß, musste ich voller Schreck feststellen, dass die Sohle sich fast vollständig abgelöst hatte, also musste ich wohl irgendwie gleich ins Lokal schlurfen, um sie nicht ganz zu verlieren. Wie peinlich! Unsere Männer amüsierten sich. Meine Freundin war voller Mitgefühl.
Beim Lokal angekommen hatte ich schon Angst auszusteigen, aber es half ja nichts! Ich schlurfte sozusagen langsam ins Ringelnatz hinein. Und um das Maß vollzumachen: Der linke Stiefel begann nun auch damit, seine Sohle zum Teufel zu schicken. Das durfte doch wohl nicht wahr sein! Stiefel ohne Sohlen!
Wir wurden an unseren Tisch geführt und setzten uns. Ich nahm meine Beine so unter den Tisch, dass niemand der anderen Gäste meine Stiefel sehen konnte. Mein Mann wollte mir sein Taschentuch geben, damit ich meinen Fuß abtrocknen konnte. Ich lehnte empört ab. Wenn das jemand sah! Ich hatte ja auch Papiertaschentücher dabei. Für diesen Zweck musste ich dann ja eine Örtlichkeit aufsuchen. Also blieb der Fuß nass und trocknete allmählich von allein.
Das Essen war köstlich, es begann mit einem Süppchen, dann kam ein Vorgericht, und danach einer der drei Hauptgänge. Alle Tische waren besetzt, ein feucht-fröhliches Geschnatter war schon im Gange.
Wir bestellten Rotwein. So ganz langsam wandelte sich mein Unmut und die Peinlichkeit in Gleichgültigkeit. Ich musste auch lachen über mein Pech! Eigentlich wollte ich zur Toilette gehen, traute mich aber nicht, weil ich Angst hatte , dabei die Sohlen zu verlieren. Zuletzt – wohl oder übel – ging kein Weg daran vorbei, das heißt, ich schlurfte an den dicht besetzten Tischen vorbei durchs ganze Lokal, ohne meine Füße anzuheben. Natürlich hatten wir den weitesten Weg zur Toilette. Es interessierte sich niemand für meine Füße, aber ich hatte trotzdem das Gefühl, dass alle auf meine Stiefel starrten.
Kurz vor Mitternacht waren wir beim Dessert angelangt und allen wurde noch dazu ein Glas Sekt serviert. Die Gäste standen auf, um Raketen abzuschießen oder zu knallen oder einfach nur um zu schauen. Auch wir gingen mit nach draußen. Inzwischen hatte ich wirklich damit zu tun, die Stiefel irgendwie mit Sohlen dran an den Füßen zu halten. Ich entfernte mich nicht sehr weit von der Tür. Die Glocken begannen zu läuten; wir stießen mit unseren Sektgläsern an und wünschten uns ein frohes neues Jahr.
Auf der Heimfahrt im Auto lachten wir über mein Missgeschick. Und ich dachte: Wie dumm ich doch gewesen war! Warum hatte ich mir teilweise deshalb den Abend verdorben? Ich hätte die Dinger im Lokal einfach ausziehen sollen. Es hätte nicht einmal jemand bemerkt!
Ich überlegte, wie alt die Stiefel eigentlich waren. Vielleicht 10 Jahre? Könnten auch 15 Jahre sein. So oft hatte ich sie gar nicht getragen, meist nur zum Ausgehen. Die Stiefel wurden bei unserer Ankunft zuhause sofort in die Mülltonne befördert! Jedes Jahr wieder am Silvesterabend kommt das Gespräch irgendwann auf meine „Silvesterstiefel“ und auf das liebe alte Theatergebäude in Schleswig, das es leider nicht mehr gibt.
Herta Andresen

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