Das gehört in Angeln zusammen: Kaffee und Kuchen

Wir Angeliter und Kaffee und Kuchen, das gehört ja wohl irgendwie zusammen. Es ist wohl nicht ganz so schlimm, wie es von Siegfried Lenz in seiner Geschichte „Jütländische Kaffeetafeln“ dargestellt wird. Na ja, manchmal vielleicht doch, vor ein paar Jahren sicher noch.
Als ich nach Schnarup kam – das ist über 35 Jahre her – da war es durchaus üblich, eine reichliche Kuchen-, eher Tortenauswahl anzubieten. Ungefähr so: Zehn Damen waren zum Kaffee eingeladen. Das bedeutete fünf verschiedene Torten, etwas trockeneres Gebäck und dann noch belegte kleine Brötchen mit Käse oder nur mit Butter bestrichen. Im Idealfall natürlich alles selbstgebacken! Und fehlen durfte zum Abschluss nicht das Kleingebäck, das meistens nur noch „rumgeschickt“ wurde.
Die am Ende des Tisches sitzende Dame wurde „dazu verurteilt“ den Anfang zu machen, bekam die Tortenplatte mit einem Prachtstück von Torte und das Tortenmesser in die Hand gedrückt. „Oha, mutt ick dormit anfangen?“ Von Hand zu Hand wanderte die erste Torte um den ganzen Tisch herum. Vorgeschnitten werden die Torten hier in Angeln nicht. So hat man zum Glück die Möglichkeit, die Größe des Tortenstücks selbst zu bestimmen und kann alles durchprobieren. Sobald der erste Kuchenteller leergegessen war, beginnt die Wanderung der nächsten Kuchenherrlichkeit. Die Kommentare waren meist: „Wat hest du bloss feine Koken. – Wat, noch een? – Ick kann gor nich mehr! Aber een lütte Stück mut ick noch probeern! – Oh jo, op düsse heff ick all tövt! – Dörf ick mi dat Rezept opschrieben? – Denn bruk ick nix mehr to Obendbrot!“
Nachdem alle Kuchen die Runde gemacht hatten, gab es selbstverständlich noch eine Ehrenrunde. Die Hälfte von Allem (mindestens) blieb übrig, was nicht weiter schlimm war, denn eine Gefriertruhe war vorhanden und Reste sind bekanntlich das Beste! (Ein paar Tage lang Torte zum Kaffee!) Eine Dame hatte immer eine ganz besonders leckere Torte anzubieten. Das Rezept hat sie bis heute niemandem von uns „Kaffeetanten“ verraten. Jede hat sozusagen ihre Spezialität – so ungefähr weiß man, was für Leckereien zu erwarten sind. Hier in Angeln gibt es die Sitte, niemals das letzte Stück zu nehmen, das „gehört sich nicht“. Ein „Anstandsstück“ muss auf der Kuchenplatte liegen bleiben (Das ist auch bei anderen Speisen so üblich). Die Kaffeetafel-Runden sind mit den Jahren leider etwas kleiner geworden, natürlicherweise sozusagen. Und die Jüngeren pflegen diese Angeliter Tradition nicht mehr so sehr.
Ich erinnere mich gern an die Zeit, als meine Mutter und ich mit dem Fahrrad nach Kappeln fuhren, um Besorgungen zu machen. Ungefähr 4 km waren es von meinem Elternhaus in die kleine Stadt. Die Fahrräder wurden entweder bei einer Bekannten abgestellt, (wo es dann auch Kaffee und Kuchen gab) oder beim Fahrradhändler Hugo Maas in der Querstraße. Meist hatte meine Mutter im Konfektionsgeschäft Plath & Thiemann etwas zu besorgen. Es war für mich sehr langweilig, denn sie schnackte immer sehr lange mit einer dort arbeitenden Freundin.
Nach dem üblichen Abklappern einiger Geschäfte freute ich mich sehr auf das Café Matthiesen. Im Verkaufsraum suchten wir uns Kuchen aus, die dann ins gemütliche Café an den Tisch gebracht wurden, für mich eine Bluna (eine Art Orangenlimonade), und meine Mutter bekam ihr Kännchen Kaffee. Im Café stand eine Musikbox! Für 50 Pfennig konnten drei Musiktitel ausgewählt werden. Meine Mutter liebte „Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand“ von Bruce Low und „Oh my Darling Caroline“, gesungen von Ronny. Meine Musikzeit kam erst etwas später. Mir machte es aber Freude den Apparat zu bedienen. Zu Hause gab es noch keine Schallplatten.
Als ich dann später in meiner JAW-Zeit ein Jahr lang in Schleswig war, hatten wir 14- bis 15-jährigen Mädchen einmal in der Woche Ausgang, von 15 bis 17 Uhr. (das muss man sich mal vorstellen, nur zwei Stunden in der Woche freie Zeit!) Natürlich wurde dann das Cafe im Lollfuß aufgesucht, ein Eis bestellt und die Musikbox in Gang gesetzt. So gaben wir unser knappes Taschengeld aus. Es war die Zeit von „Pretty Woman“ von Roy Orbison, Mitte der 60er Jahre. Oft kamen wir nicht ganz pünktlich zurück. Dann gab es ein richtiges Donnerwetter!
Die Zeit der Musikboxen ist schon lange vorbei. Die Zeit der Cafés zum Glück nicht!
Mein Mann und ich gehen sehr gerne ins Café, fahren im Sommer ab und zu durch Angeln, und nach oder auch vor einem Cafébesuch wird ein Spaziergang gemacht, z.B. am Strand entlang, auf der Birk, in Maasholm oder rund um Arnis. Angeln hat so schöne Ecken, eigentlich zu jeder Jahreszeit!
In Schleswig gab es mal ein besonderes Café, das „Canape“. Eine lange steile Treppe führte nach oben. Für Gehbehinderte war die Treppe schwer zu bewältigen, für Rollstuhlfahrer unmöglich. Das „Canape“ existiert nicht mehr. Es war so gemütlich mit den alten Möbeln und dem antiken Kaffeegeschirr. Die Teller und Tassen passten nicht immer zusammen, es hat uns nicht gestört. Nachdem die alte Inhaberin vor Jahren in Rente ging, war es für uns nicht mehr dasselbe. Das fanden wohl mehrere Leute, denn es war nach der Umgestaltung nicht mehr viel los. Das Besondere war dahin! Irgendwann hat es für immer dicht gemacht.
Unser Lieblingscafé ist nun das Kaffeehaus Ebsen in Süderbrarup. Es ist für uns eine liebe Gewohnheit geworden, dort ab und zu einzukehren. Das Frühstücken gefällt uns auch sehr, in kleiner oder auch größerer Runde.
An einer Wand über dem Sofa ist ein schöner Spruch zu lesen: Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen.
Natürlich braucht es zum Genießen nicht unbedingt ein Café.
Auch zu Hause in unserem Gartenhäuschen sitzen wir gerne, sobald es wieder wärmer wird. Meist können wir, wenn die Sonne scheint, das Gartenhaus ab März schon benutzen. Herrlich auch für mich, die Mittagsstunde darin mit einem Buch zu verbringen, und dann kommt irgendwann mein Mann dazu, mit dem Tablett und Kaffee und Kuchen.
Ein Picknick, am besten bei Sonnenschein, ist auch nicht zu verachten. Eine Freundin und ich haben einmal Ende März mit Klapptisch und Hockern an der Schlei gesessen, mit Blick auf die Schleibrücke in Lindaunis. Es war etwas frisch und ohne unsere Jacken wäre es doch zu kalt gewesen. Aber es war so schön in der Natur zu sein, zu schnacken, den Kaffee zu genießen und übers Wasser oder in die Landschaft zu schauen. Meine Freundin hatte sogar ein Tischtuch und Servietten dabei! Einmal haben wir es uns auch am Idstedter See gemütlich gemacht. Aber Kaffee und Kuchen gehören einfach dazu! – Ich finde, dass es wichtig ist, sich schöne Momente zu gönnen. Besonderes in dieser doch schwierigen Zeit!
Herta Andresen

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