Abenteuerspiele damals: Schatzsuche auf dem „Schietbaarg“

Beim Spazierengehen kommt es manchmal vor, dass wir weggeworfene Flaschen mitnehmen, und wir fragen uns, wieso wer auch immer die nicht abgibt; es ist doch Pfand drauf? Und überhaupt: Es stehen bei jedem Haus Mülltonnen, inzwischen für jeden Haushalt vier Stück, denn die gelbe Tonne ist inzwischen noch dazugekommen. Trotzdem liegt an den Straßenkanten oder im Graben immer wieder Müll, welcher da nicht hingehört.
In den Städten gibt es sogar Menschen, die Pfandflaschen aufsammeln, weil es sich wirklich lohnt, oder weil sie das Pfandgeld zum Überleben auf der Straße dringend benötigen. Ich erinnere mich an eine Zeit, als es noch keine Mülltonnen hier auf dem Land gab! Der Konsum war noch nicht so angewachsen, und von einer „Wegwerfgesellschaft“ konnte noch keine Rede sein. Es war eigentlich ein „nachhaltiger“ Umgang mit den meisten Dingen. Einiges wurde trotzdem weggeworfen, und für uns Kinder war das sehr spannend.
Da gab es an dem Feldweg zu meinem Elternhaus den sogenannten „Schietbaarg“. Der Feldweg führte ein kleines Stück durch den Wald. Sehr günstig für Müllsünder. Weder von der Bundesstraße noch von irgendwelchen Nachbarn zu beobachten, landeten dort ab und zu nicht nur Gartenabfälle. Der Wald war sowieso unser Abenteuerspielplatz. Der „Schietbaarg“ wurde deshalb regelmäßig von uns Kindern nach „Schätzen“ abgesucht, manchmal auch umgewühlt, weil irgendetwas interessant Erscheinendes halb von Erde bedeckt herausschaute. Alte Kochtöpfe oder Pfannen hatten wir immer mal wieder mitgeschleppt, denn bei unserem Nachbarn gab es das alte Backhaus. Darin stand ein alter eiserner Ofen mit einer Kochplatte. Es war uns sogar erlaubt, eher stillschweigend geduldet, dort Feuer zu machen. Im Hühnerstall gab es überall Eier zu „besorgen“. Fast überall wurden Hühner gehalten. Etwas schwieriger gestaltete sich die Zutatenliste, aber irgendwie schafften wir es immer, uns ein Mahl zu kochen. Tütensuppe und Spiegeleier war unser „Standardessen.“ So allerhand ausgedientes Koch- und Küchengerät und „fast heiles“ Geschirr sowie alte Zeitungen wurden dort hingeschleppt. Das Holz für den Ofen gab es reichlich in den Wäldern zu sammeln. Streichhölzer wurden uns auf Anfrage sogar bewilligt.
Die beste Zeit für unseren Abenteuerspielplatz „Schietbaarg“ war das Frühjahr, denn es wurde regelmäßig überall Frühjahrsputz gehalten und viele Dinge entweder verbrannt oder dort im Wald entsorgt. Ich erinnere mich an eine gläserne blaue Parfümflasche. Hielt man sie ins Licht, dann funkelte es herrlich, ein richtiger Schatz! Wir ahnten auch meist, von welchem Nachbarn die jeweiligen Sachen stammten.
In der Nähe unseres Hauses befand sich zum Leidwesen meiner Eltern eine Nerzfarm. Daneben waren unsere Kühe auf der Weide, und je nach Windrichtung hatte man beim Melken diesen penetranten Gestank zu ertragen. Wir Kinder vermuteten, dass die Parfümflasche ganz sicher von dort kommen musste. Die Frau des Nerzzüchters trug einen Pelzmantel und sicher kam nur sie für den „kostbaren“ Fund in Frage! Die Flasche roch sogar nach Parfüm!
Auf dem „Schietbaarg“ trafen sich Jungen und Mädchen. Dort entsorgte Möbel und nicht brennbare Gegenstände wurden begutachtet. Der eine konnte dies, der andere das gebrauchen. Es kam auch mal vor, dass sich bei der Sucherei jemand an einer Glasscheibe oder anderem verletzte. Gar nicht tragisch. Dann wurde zu Hause ein Pflaster drauf gemacht und raus ging es wieder zum Spielen. Es wurde uns Kindern viel erlaubt. Nur mit nach Hause bringen, „wat anner Lüüd wechschmeeten hem!“ war nicht gern gesehen. Dann wurde es von uns heimlich irgendwo deponiert.
Ich sammelte Zigarettenmarken. An der Bundesstraße fand man sehr oft leere Schachteln. Die wurden sorgfältig glattgestrichen und auch untereinander getauscht. Juno, Peer, Chesterfield, Pall Mall, Rothändle, Lux und HB – das sind einige Namen, die mir wieder einfallen. An das HB-Männchen später im Werbefernsehen kann sich wohl jeder noch erinnern. Halt, wer wird denn gleich in die Luft gehen! Greife lieber zur HB! (was ich dann später leider auch tat). Zuerst heimlich, und dann wurde es für etliche Jahre zur Gewohnheit.
Wir Kinder fuhren mit dem Fahrrad durch die Wälder. Alle Feldwege auch in weiterer Umgebung kannten wir. Die Kreisbahnstrecke war ein beliebtes Ziel. Unsere Fahrräder wurden irgendwo hingeworfen, unsere Köpfe zum Lauschen auf die Schienen gelegt. So warteten wir auf den Zug und winkten. Wir sammelten Champignons auf den Weiden, Kastanien zum Basteln, bauten Höhlen in den Wäldern, kletterten auf die Bäume. Wir Kinder hatten eine Freiheit, ich denke gern daran zurück.
Im Winter wurde auf gefrorenen Überschwemmungen Schlittschuh gelaufen. Wenn ich heute nach dem vielen Regen das Wasser überall stehen sehe, dann denke ich: „So viel Wasser und kein Frost, was ist das für ein Winter?“
Inzwischen hat sich das Spielverhalten der Kinder sehr geändert. Die Winter sind milder. Es gibt keine Eisflächen mehr in den Dörfern. Kinder haben andere Beschäftigungen, gehen zum Sport und zum Musikunterricht. Werden mit dem Auto von A nach B gefahren. Dann gibt’s noch die neuen Medien. Wir sehen nicht mehr viele Kinder draußen spielen, und wenn, dann meist auf einem Spielplatz. Aber es geht fast jedes Kind heutzutage in den Kindergarten, und ich habe den Eindruck, dass die Kinder heute ernster genommen werden als früher. Und das ist doch gut.
Herta Andresen

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