Kam erst nach und nach in Gang: Mein Plattdeutsch

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Eine Frage, die mir während meiner Pflegediensttätigkeit häufig gestellt wurde, war: „Köönt Se Plattdütsch?“ Anfangs antwortete ich: „Nicht so gut. Aber ich verstehe alles.“ Später meinte ich dann etwas mutiger: „Ik schnack nich veel Platt. Dat hört sik bi mi seker nich so goot an!“ Die Antwort war meist: „Dat mokt nix.“ Und so kam mein Platt nach und nach mehr in Gang.
Meine Eltern und Großeltern unterhielten sich auf Platt; mit uns Kindern wurde aber meist Hochdeutsch gesprochen. Es hieß allgemein, dass Kinder die nur plattdeutsch sprechen, es mit dem Hochdeutschen in der Schule schwer hätten und „mir“ und „mich“ verwechseln würden. Das wäre doch sehr unangenehm. Mein Großvater sagte, es wäre schlimmer, „mein“ und „dein“ zu verwechseln. Womit er sicher recht hatte. Er fand es auch nicht so schlimm, wenn erst in der Grundschule Hochdeutsch gesprochen würde. „Wi hem blots Platt schnackt fröher. Wi sünd ok nich dumm bleeben!“ Er war der einzige im Haus, der nur Platt sprach. Aber ich habe als Kind nie plattdeutsch gesprochen.
Meine Großmutter sprach hochdeutsch nur mit dem Arzt und dem „Hannelskirl“ So ein bis zweimal im Jahr kreuzte bei uns per Fahrrad ein sogenannter Handlungsreisender auf, mit vollgepacktem Koffer und Fahrradtaschen, darin Kurzwaren und Unterwäsche und Strumpfwolle. Meine Großmutter kaufte ihm immer etwas ab, meist Ersatz-Gummibänder für die ausgeleierten Unterhosen und Knöpfe für die Bettwäsche. Bei der Unterwäsche konnte sie nicht widerstehen, der Herr hatte die weichen Hosen und Hemden aus Interlock, in rosa und hellblau, dabei. Der Opa schimpfte jedes Mal, wenn sie wieder etwas abgekauft hatte. „Du brukst doch gor nix mehr. Dat Schapp is vull! Kanns du gornich all opschlieten!“ Oma meinte dann immer: Ik much em nich wechschicken. Dat much ik eenfach nich doon! He dä mi so leed!“
Ich fand es immer sehr eigenartig, wenn meine Großmutter Hochdeutsch sprach; es passte gar nicht zu ihr und hörte sich für mich ganz fremd an.
Heute lernen Kinder die plattdeutsche Sprache zum Teil in den Schulen und es gibt sogar Vorlesewettbewerbe. Plattdeutsch wird als Sprache gewürdigt. Auf Platt kann Manches viel besser ausgedrückt werden und sogar das Schimpfen hört sich anders an, nicht mehr so grob. Im Internet kann man den „Oeversetter“ fragen, wenn man etwas nicht versteht oder eine Übersetzung braucht. Ich benutze eigentlich lieber das Wörterbuch. Am besten fragt man aber jemanden, der selber das Angeliter Platt spricht. Schon am Rand von Angeln spricht man einiges anders aus. Wo verläuft denn eigentlich die Sprachgrenze? Mit der plattdeutschen Grammatik habe ich meine Schwierigkeit. Am liebsten schreibe ich es so, wie es gesprochen wird. Das ist nicht immer korrekt. Aber schlimm finde ich es nicht. Hauptsache, es ist verständlich.
Ich bekam neulich etwas erzählt, das ich ganz automatisch mit „O haue ha“ kommentierte. Im selben Moment dachte ich: „Was das wohl auf Hochdeutsch bedeutet? Vielleicht: Du lieber Himmel? Ob es jemand weiß?
Das Plattdeutsche hat sich immer mehr bei mir eingenistet, was ich interessant finde. Sogar Gedichte auf Platt schreibe ich inzwischen. Gefühle sind so sehr gut zu beschreiben. Schade, dass ich meinen Großeltern davon nichts mehr erzählen kann.
Ich kniete neulich auf dem Hofplatz und machte mich übers unerwünschte Unkraut her. Da kam mir in den Sinn, dass dies eine Arbeit meiner Großmutter war. Se seet op de Steenbrüch mit de Sackschuut över de Kneen, und mit een ole affbroken Messer pule se dat Unkruut rut. Se weer bi to Steenbrüch wühn. (Das Kopfsteinpflaster von Unkraut zu befreien, jäten) Sackschuut ist eine Schürze aus einem alten Jutesack. Man trug sie über der Schuut, die dann noch de Schört schützte. Also 3-fach. Zuerst die Schürze, die jede Frau trug, (mit gekreuzten Bändern über dem Rücken) und dann eine halbe Schürze, de Schuut, um die Schürze zu schützen. Und für „Drecksarbeiten“ kam dann de Sackschuut zum Einsatz. Es war üblich seine Kleidung zu schonen, weil wohl nicht so oft Wäsche gewaschen wurde. Denn alles hatte „per Hand“ zu geschehen. Auch besaß man nicht so viel Kleidung wie heutzutage. Also ging man sorgfältiger damit um – man schonte es. Meine Oma stülpte sich während der Erntezeit auch immer Ärmelschoner über. Außerdem trug sie ständig ein Kopftuch. Als wir gerade zu der Zeit Besuch von der Verwandtschaft aus Hamburg hatten, holte jemand einen Fotoapparat hervor und wollte von der Oma ein Bild machen. Sie bemerkte es und rief entsetzt : „Nä ok doch! Nich in düsse Kledage!“ (Oh nein, nicht in diesem Aufzug) Es nützte nichts mehr. Das Bild befindet sich in meinem Fotoalbum als liebe Erinnerung an meine Oma und die damalige Erntezeit.
Herta Andresen

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