Klein, aber interessant: Der Schnaruper Wald

Knabenkraut

Der Schnaruper Wald ist ja nur ein kleines Wäldchen. Aber auch ein kleiner Wald ist interessant und schön! Sehr oft führt unser Weg durch den Schnaruper Wald, und wir beobachten ihn von Jahr zu Jahr und von Monat zu Monat. Besonders im Frühling halten wir uns dort jeweils länger auf als sonst. Zuerst warten wir auf die Buschwindröschen, schauen im alten Laub nach, ob schon die Blättchen der Wald-Anemonen zu finden sind. Wenn endlich ein Blütenteppich den Waldboden bedeckt hat wird auch schon Ausschau gehalten nach dem Waldmeister, und wenn er denn da ist, pflücken wir ihn, um damit kleine Büschel im Haus zu verteilen, um den Teevorrat zu ergänzen, und vor allem damit wir am 1. Mai die beliebte Waldmeisterbowle genießen können.
Oft sind schon vor dem 1. Mai einige Bäume mit dem ersten Maigrün zu sehen. Der Bärlauch steht um diese Zeit schon in Blüte. Nur langsam breitet er sich dort von Jahr zu Jahr aus; nur wenige Quadratmeter breit ist sein Platz. Wer mal einen richtigen Bärlauchwald sehen möchte, der sollte den Kahlebyer Wald aufsuchen. Dort riecht man ihn schon von weitem! Aber auch unser kleiner Wald hat etwas ganz Besonderes aufzuweisen! Von Mitte bis Ende Mai kann man dort das Gefleckte Knabenkraut finden, eine Waldorchidee. Sie steht unter Naturschutz. Wir zählen sie jedes Jahr. Zu finden sind diese Blumen nur, wenn ihre violette Blüte von weitem zu sehen ist, denn sie stehen nicht dicht beieinander. In diesem Jahr haben wir fünf Exemplare gezählt. Im letzten Jahr waren es nur zwei, vielleicht weil es zu trocken war. Das beste Ergebnis mit sieben blühenden Orchideen ist schon einige Jahre her. Die Suche ist jedes Mal spannend. In diesem Jahr hat der Wald schon ordentlich Feuchtigkeit bekommen, sodass der Graben, der den Pfad durchquert (einen Bach kann man es nicht nennen), sogar gut mit Wasser gefüllt ist. Früher stand dort ein kleines hölzernes Schildchen. Jemand hatte es bei der wirklich kleinen Minibrücke aufgestellt und den Namen „Swinbrüch“ darauf geschrieben. Irgendwann war das Schild leider verschwunden. Man hat in dem Wald (ich finde: zum Glück) die Sturmschäden nicht alle beseitigt. Es sieht doch schön aus, so wie es ist, und ganz natürlich. So ein Wald hat zu jeder Jahreszeit viele Fotomotive zu bieten. Ich finde den Frühlingswald am Schönsten mit dem frischen Laub; dann scheint die Sonne noch hindurch. Der Kuckuck ruft. Die Krähen bauen ihr Nest. Es zwitschert überall. Im Sommer ist es darin schattig und kühl. Danach bewundert man das Herbstlaub, und wenn der Wald wieder kahl ist, kommen die Baumstrukturen wieder zur Geltung, auch wunderschön. Was wären wir ohne die Jahreszeiten?
Im Schnaruper Wald wohnte vor Jahren ein wohl noch vielen hier im Dorf bekannter Einsiedler, der „Waldmensch“ genannt wurde. Es war Hans-Herbert Walter, ein älterer Herr, der dort in seinem Haus sehr zurückgezogen lebte. Aus welchen Gründen, ist nicht richtig bekannt. Strom gab es in dem Haus wohl nicht und auch keine Wasserleitung. Einmal im Jahr war er unterwegs fürs Amt zur Viehzählung mit seinem alten Fahrrad. Am Lenker hingen zahlreiche Plastiktüten. Es gibt mehrere Geschichten über ihn. Er soll sich größtenteils von Resten der Supermärkte ernährt haben, obwohl er es nicht nötig gehabt hätte. Sogar auf Empfängen konnte man ihn manchmal erblicken – mit Schlips und Kragen. Wir kannten ihn als sehr höflichen, gebildeten Menschen. Inzwischen lebt er nicht mehr und von dem Haus ist fast nichts mehr zu sehen. Die Natur hat sich den Platz zurück erobert.
Seit einigen Wochen steht am Waldrand wieder eine Bank. Es ist doch schön, wenn Spaziergänger, Walker, Jogger, Wanderer und Radfahrer dort ausruhen oder einfach mal einen Moment in die Ferne schauen können. Wir treffen auf unseren Wegen selten jemanden. Der Schnaruper Wald kann schlecht mit dem Auto angefahren werden. Es führt ja nur ein Wanderweg dorthin und von der anderen Seite ein sehr holpriger Feldweg, den man „Halbspur“ fahren muss. Aber vielleicht hat ja nun der eine oder andere Lust bekommen, den Schnaruper Wald zu besuchen. Nur: Das Knabenkraut ist inzwischen verblüht, und es wird hier nicht verraten, wo es (erst im nächsten Jahr) zu finden ist!
Herta Andresen

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