Chronikbericht (Teil 10): Die Volksschule Thumby zwischen 1875 und 1918

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges näherte sich. Das war bereits im Jahre 1913 zu spüren, als der Thumbyer Schul-Chronist noch niederschrieb: „Am 16. Juli wurde d. 25-jährige Regierungsjubiläum unseres Kaisers gefeiert. Den Kindern der Oberklasse wurde in einer längeren Ansprache des Lehrers der Kaiser als ein Fürst des Friedens vor Augen geführt; Kinder deklamierten passende Gedichte, und auch wurden mehrere patriotische Lieder gesungen. In den Klassen II u. III wurden zweckentsprechende Feiern abgehalten.“
Der Kaiser als „Fürst des Friedens“ erwies sich nur wenig später als Kriegstreiber. Während der Ausbruch des Ersten Weltkrieges in dem Protokollbuch des Schulvorstandes überhaupt keine Erwähnung findet, äußert sich der Chronist in der Thumbyer Schulchronik dazu so:
„Der erste Weltkrieg
Mit d. 2. August 1914 begann für unser Deutsches Vaterland eine ernste u. schwere Zeit, der große Weltkrieg 1914/15. Unserem geliebten Friedenskaiser wurde das Schwert in die Hand gedrückt gegen eine Welt von herrschsüchtigen, neidischen und revanchedurstigen Feinden. Aber ein geeinigtes Deutsches Volk in Waffen erhob sich voller Begeisterung, fest entschlossen, das Vaterland mit Gut und Blut zu schützen, den heimatlichen Boden zu verteidigen. Der Lenker d. Schlachten wird unserer gerechten Sache d. endlichen Sieg verleihen u. uns einen ehrenvollen, dauernden Frieden schenken.“
Die Kriegszeit veränderte die Alltagsabläufe auch in der Thumbyer Schule erheblich. Dadurch dass viele Männer zum Kriegsdienst eingezogen wurden, fehlte deren Arbeitskraft vor Ort. Schulkinder mussten diese Aufgaben – so gut es ging – übernehmen. Deswegen führte die Thumbyer Schule die „ungeteilte Schulzeit“ ein. Wir lesen in der Chronik im Jahre 1915:
„Während d. Kriegszeit ist für alle 3 Klassen diesen Sommer gänzlich ungeteilte Schulzeit eingeführt, einmal der Brotersparnis halber, zum anderen deswegen, daß Kinder als Ersatz für fehlende Arbeitskräfte an den freien Nachmittagen stets zur Verfügung stehen.“
Natürlich wurden auch männliche Lehrkräfte zum Kriegsdienst eingezogen und die verbleibenden Kolleginnen und Kollegen mussten die dadurch entstehenden Lücken in der Unterrichtsversorgung irgendwie stopfen. Das geschah auch in Thumby. So wurde der Lehrer Carstensen zwei Tage, nachdem er seine zweite Lehrerprüfung bestanden hatte, zum Kriegsdienst eingezogen:
„Am 8. Juni [1915] bestand der 2. Lehrer Herr J. Carstensen die II. Lehrerprüfung. […] Am 10. Juni wurde Lehrer Carstensen z. Heeresdienst einberufen, obgleich er im Januar als unausgebildeter Landsturmpflichtiger zur Infanterie ausgemustert war. Infolgedessen werden die 3 Klassen von d. Hauptlehrer u. der Lehrerin zusammen verwaltet, indem die Stundenzahl der einzelnen Klassen (pro Woche) auf 24, 20 und 14 Std. beschränkt wird.“
Neben der Beschränkung der Wochenstundenzahl ist auch die rapide angestiegene Zahl der Unterrichtsausfälle auffällig. Schauen wir einmal auf das Jahr 1915 und die entsprechenden Chronik-Einträge:
„Am 13. Februar wurde anläßlich des großen Hindenburgsieges bei den Masurischen Seen nach einer kurzen Siegesfeier, der Unterricht ausgesetzt, am 12. März – diesmal anläßlich der siegreichen Champagne-Schlacht. […] Anläßlich des siegreichen Durchbruchs der verbündeten Deutschen und Österreicher an der gesamten Karpatenfront, wurde der 4. Mai nach Abhaltung einer Siegesfeier der Unterricht geschlossen. […] Am 24. Juni fiel nach einer kurzen Siegesfeier anläßlich der Wiedereinnahme Lembergs der Unterricht aus. (Ostfront) […] Nach 2 Stunden Unterricht wurde am 19. Juli die Unterrichtszeit für den Tag beendet, nachdem der großen Hindenburg-Erfolge d. letzten Tage, namentlich im Norden von Warschau, gedacht worden war. […] Am 6. August Unterricht ausgefallen, es wurde, anläßlich der Einnahme der Festung Warschau durch unsere Truppen, eine kleine Siegesfeier veranstaltet. […] Anläßlich d. glänzenden Erfolges betr. der 3. Kriegsanleihe, zu dem auch die deutsche Schuljugend den ihren Teil beigetragen hat, wurde auf kaiserlichen Befehl den deutschen Schulkindern ein schulfreier Tag gewährt (29.September). […] Den 20. Oktober, nach einer entsprechenden Siegesfeier, anläßlich der Erstürmung Belgrads durch Deutsche u. Österreicher, ist der Unterricht ausgefallen. […] Am 2. Dezember wurde nach entsprechender Siegesfeier anläßlich des glänzenden Sieges bei Prizemysl u. der Vernichtung d. Reste des serbischen Hauptheeres der Unterricht geschlossen.“
Noch im Jahre 1915 kam die Meldung, dass der junge Lehrer Carstensen, der erst im Juni desselben Jahres seine Lehrerprüfung bestanden hatte und im September eingezogen wurde, im Krieg gefallen war:
„Am 29. Oktober traf die tief erschütternde Nachricht ein, daß unser Lehrer Carstensen, der erst um Mitte September mit ins Feld rückte nach dem östlichen Kriegsschauplatz, den Heldentod für König und Vaterland erleiden mußte. Er fiel am 17. Oktober, als ihn die Pflicht auf Horchposten bei Glodowo rief. Die Trauerfeier, die am 14. Nov. für ihn in hiesiger Kirche stattfand, zeugte von der Wertschätzung, die Carstensen sich in seiner Schulgemeinde zu erwerben verstanden hatte; in der Kirche wurde ihm zu Ehren, ein von Schulkindern und Lehrpersonen gestifteter Kranz angebracht.“
Ulrich Barkholz

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