Chronikbericht (Teil 11): Die Volksschule Thumby zwischen 1875 und 1918

Im Jahre 1917 wurde die Situation für die Thumbyer Schule und natürlich auch für die Bevölkerung insgesamt noch schwieriger, weil es inzwischen an allem, auch an Heizmaterial, mangelte. So lesen wir zu Beginn des Jahres 1917: „Kohlenmangelshalber wurden auf Anordnung der vorgesetzten Behörde die Weihnachtsferien bis einschließlich 15. Januar verlängert.“
Im April 1917 kam der Unterricht praktisch vollständig zum Erliegen: „Im Monat April konnten die Kinder fast nur ½ Stunde täglich zur Schule kommen, um Hausarbeiten zu holen, der fortlaufende Unterricht konnte wegen gänzlichem Mangel an Feuerungsmaterial für die Schulzimmer nicht stattfinden.“
Zum 1. Mai verließ eine Lehrerin die Schule (Versetzung), sodass ab dann wieder mit zwei Lehrpersonen unterrichtet werden musste. Nach einem Sommer 1917 mit viel Schulfrei anlässlich von vermeintlichen Kriegserfolgen, aber auch anlässlich von Jubiläen der Regenten, meldet die Chronik für den 1. November wieder „Vollbeschäftigung“, die allerdings nicht lange anhielt, da am 23. November in der Familie des Hauptlehrers die Diphterie ausbrach, eine schwere Infektionskrankheit mit lebensbedrohlichen Folgen. Aus diesem Grunde wird die Schule geschlossen und erst am 2. Dezember wieder geöffnet und von den zwei übrig gebliebenen Lehrkräften mit Unterricht versorgt. Zu allem Überfluss zog sich der Hauptlehrer zum Jahresbeginn 1918 noch eine Lungenentzündung zu, sodass er weiterhin längerfristig nicht dienstfähig war. Hochgradig ansteckende, gefährliche Krankheiten wurden offenbar in der Kriegssituation, die einen Versorgungsmangel der Bevölkerung nach sich zog und damit auch die Abwehrkräfte der Menschen schwächte, zu einem großen Problem.
Während der Kriegszeit spitzte sich die Versorgungssituation der Bevölkerung durch Importausfälle weiter dramatisch zu. Für nicht mehr verfügbare Lebensmittel wie Getreidebrot versuchte man halbwegs adäquaten Ersatz zu (er-)finden, so zum Beispiel Steckrübenbrot. Da viele Rohstoffe und Naturprodukte in viel zu geringem Maße zur Verfügung standen, wurde zu Sammlungen aufgerufen. Solche Sammlungen wurden auch von den Schulkindern der Thumbyer Schule durchgeführt. Wir lesen in der Chronik im Juli 1918:
„Im Juli sind die Kinder der Ober- u. Mittelklasse unter Leitung d. Lehrers u. der Lehrerin mehrfach an den Unterrichtstagen ausgezogen, um Laub zu pflücken. Das frische Laub wurde an die Darre im Süderholz geliefert. Von der Heeresverwaltung war für dasselbe ein hoher Preis festgesetzt. Für 1 Zentner (Ztr.) Frischlaub wurden 4 M u. für 1 Ztr. Trockenlaub 18 M bezahlt. Außerordentlich hoch wurden die Fuhrkosten erstattet, für 1 Ztr. u. pro Kilometer > 0,50 M. Außerdem gab es noch Entschädigung fürs Auf- u. Abladen, für die Sammelleiter und für d. Knickbesitzer. Eine Fuhre von 28 Ztr. brachte eine Gesamteinnahme von 305,20 M. Im Ganzen sind an Laubheu gepflückt und abgeliefert worden > 4 000 kg.“ Das Laub wurde offenbar als Heu- und Streu-Ersatz für die Pferde der Soldaten benötigt.
Doch auch andere Dinge haben die Schulkinder gesammelt, wie die Chronik berichtet:
„Auch an anderen kriegswirtschaftlichen Arbeiten hat die Schule sich in diesem und den vorhergehenden Kriegsjahren beteiligt. Unsere Kinder haben zusammen bei d. diesjährigen reichen Schlehenernte ca.700 Pfund Schlehen gepflückt, an Vogelbeeren 160 Pf.; Bucheckern sind rund 50 kg abgeliefert worden, Kastanien 100 Pfund – im Vorjahre 900 Pfd! An Frauenhaar wurde ca.1 kg. verkauft. Ferner sind die Kinder mit Wagen durch die Gemeinde gefahren u. haben alte Kleidungsstücke u. sonstiges Altmaterial gesammelt und verkauft.“
Schließlich berichtet der Chronist auch über das Ende des Ersten Weltkrieges:
„Am 11.November 1918 kam es nach reichlich vierjährigem Ringen in diesem furchtbaren Weltkriege zum Waffenstillstand, der zweimal verlängert wurde und immer härtere u. schmachvollere Bedingungen uns, den Geschlagenen, auferlegte. Wir mußten, von all unseren Verbündeten schließlich im Stich gelassen, einen solchen Waffenstillstand annehmen.
Die Demobilmachung ging vor sich. Nach und nach kehrten auch d. Krieger unseres Kirchspiels zurück, froh, die liebe Heimat grüßen zu dürfen in der angenehmen Gewißheit, nun auch endlich bei den Lieben bleiben zu können. Noch schmachten einige Mitbürger unserer Gemeinde in d. Gefangenschaft, aber, nach hoffentlich nunmehr baldigem Kriegsschluß, dessen Bedingungen, so Gott will, erträglich sein werden, kehren auch sie gesund an Leib u. Seele wieder heim. Manche kehren nicht wieder heim, diese Helden deckt der Rasen in Feindesland, drei von ihnen konnten überführt werden, und auf dem heimischen Friedhof ihre Grabstätte finden. Die aus unserer Gemeinde den Heldentod starben, haben fast alle auch d. hiesige Schule besucht, und sind hierorts ansässig gewesen. Außer den Gefallenen und fürs Vaterland Gestorbenen beklagen wir nicht wenige Vermißte, von denen anzunehmen ist, daß auch sie wohl nicht zurückkehren.“
Ulrich Barkholz (Ende dieses Chronikberichts)

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